Extra-Blaß 22 – Wenn die Nuss vom Stammbaum fällt

Eichhörnchen beim Nüsse sammeln

Mahlzeit!

Meine Schwägerin hat Nüsse.
Dieser Satz kann ohne zusätzliche Erklärung schnell falsch verstanden werden, daher möchte ich hier für Euch etwas mehr ins Detail gehen.
Wenn im Familien-Stammbaum in den vergangenen, sagen wir fünfzig Jahren alles glatt gelaufen ist, dann ist die Schwägerin entweder die Schwester meiner Ehefrau oder die Ehefrau meines Geschwisters. Anders als zum Beispiel Neffen. Das sind die Kinder meiner Geschwister. Onkel und Tante wiederum sind die Geschwister eines meiner Elternteile. Aber Achtung bei Cousins und Cousinen. Hier ist nicht nur die Erklärung kompliziert, sondern auch die Aussprache. Originalsprache oder eingedeutscht.
[kuˈzɛ̃:] oder [ko-säng]. Oder man sagt einfach: „Das ist der Jürgen“.

Spannend wird es, wenn Teile des Stammbaumes untereinander weitere Verhältnisse eingegangen sind. Da ist der Onkel schnell auch mal der Opa oder die Tante Deine Schwiegermutter.

Oder wenn der eigene Clan so groß ist, dass in nahe und ferne Verwandtschaft unterteilt werden muss. Ein Beispiel aus Wiki:
Ein Onkel zweiten Grades ist der Cousin ersten Grades deiner Eltern, während ein Neffe zweiten Grades das Kind deiner Cousine oder deines Cousins ist. Ein Cousin zweiten Grades teilt sich mit dir die gemeinsamen Urgroßeltern, nicht aber die Großeltern. Alles klar?

Meine Schwägerin, die Frau meines Bruders, hat also Nüsse. Im Garten. Zunächst am Baum, dann am Boden, schließlich in großen Körben. Eigentlich ist es mein Halbbruder, wir haben nur ein Elternteil gemeinsam und damit ist sie eigentlich auch nur meine Halbschwägerin, aber es sind ganze Nüsse. Viele Nüsse. Sehr viele Nüsse. Walnüsse. Ein Baum bringt pro Jahr bis zu 10.000.

Meine Schwägerin, längst verwitwet, hatte bereits große Teile ihrer Ernte (ca. 30 bis 40 kg) ihrem Sohn, also meinem Neffen gegeben. Aber der hat auch nur begrenzt Platz. Die gute Bleikristall-Schale auf der Kommode ist längst gefüllt, der Werken-Unterricht seiner Kinder (nur am Rande, das sind mein Großneffe und meine Großnichte) besteht seit Wochen aus dem Anbohren von Nüssen, Windspiele bauen, Halsketten basteln und in Biologie ist jedes Kind Pate einer Walnuss, die es in den kommenden Wochen zu pflegen und beim Wachsen zu beobachten gilt. Irgendwann, als auch der gesamte Dachboden mit geschredderten Walnuss-Schalen gedämmt war, winkte er ab.

Und so kam es, dass wir den Rest der nicht unerheblichen Ernte bekamen. Und wer sich unter Rest erstmal nichts vorstellen kann: ihr kennt die blauen Ikea-Taschen? Eine. Voll. Bis oben.  

Nun kann man, wenn man von Verwandten, Freunden, Nachbarn oder Fremden Überzähliges aus dem Garten bekommt, oft einen Salat daraus machen. Tomaten, Gurken, manchmal Kartoffeln, selbst aus Salat kann man Salat machen. Aber macht das mal mit Nüssen. Klar, man kann Nüsse in den Salat geben, aber um 20 kg Nüsse unterzumischen, müsste man ungefähr eine Tonne Salat machen. So viele Schüsseln haben wir nicht. Was bleibt? Salben und Cremes – da vertraut meine Familie eher auf die europäische Chemieindustrie, Nuss-Schalen als Schneckenbarriere – klingt zu weit hergeholt, da wir ohnehin nur ein recht kleines Schneckenproblem im Garten haben und wir keine schlafenden Hunde bzw. in diesem Fall Schnecken wecken wollen.

Da wir keinen Dachboden haben, den wir ausbauen könnten, bleibt noch der Einsatz als Grillanzünder. Aber auch hier haben wir ein Relationsproblem. Erstens haben wir einen Gasgrill, der den Funken automatisch erzeugt und zweitens, selbst wenn wir nur wegen der Nüsse auf einen Holzkohlegrill umsteigen würden, müssten wir mit den Nuss-Schalen eine Fleischmenge grillen, die in etwa zu der Tonne Salat passt.
Und dann wären auch nur die Schalen weg.

Es musste also eine andere Lösung her, um rund 20 kg Walnüsse sinnvoll zu verwenden.

Zuerst dachten wir daran, die Fassade des Hauses damit zu klinkern. Mengenmäßig hätte das zumindest fürs Erdgeschoß gepasst, gescheitert ist es letztlich aber an der Zustimmung der Eigentümergemeinschaft.
Dann haben wir recherchiert. Ein hungriges Eichhörnchen kann pro Tag ca. 40 Walnüsse wegbringen. Macht bei ca. 2000 Nüssen 50 Manntage, bzw. Eichhörnchentage. Mit zwei Eichhörnchen wäre das in knapp vier Wochen erledigt. Die arbeiten auch am Wochenende. Haben schließlich keinen Betriebsrat.

Gesagt, getan. Auf dem Gartentisch sauber nebeneinander aufgereiht, ein großes Schild „Zum Mitnehmen“ gut sichtbar auch von oben für die Tierchen, die aus dem Baum geklettert kommen, daneben das ausgedruckte Titelbild dieser Folge, falls es eins nicht so mit dem Lesen hat, es war alles bereitet.

Sieben. Ganze sieben Nüsse waren weg. Geholt von einem einzigen Eichhörnchen. Eins von mindestens dreien, die hier sonst Jagdszenen veranstalten, balzen, dass die Bäume wackeln, alles einsammeln, was nicht festgenagelt ist oder einfach nur im Garten rumklettern, um zu signalisieren: „Schaut mal, wie süß wir sind.“. Diesmal nur eins, die anderen waren wohl satt, im Urlaub, anderweitig beschäftigt oder die feinen Herrschaften haben woanders etwas Appetitlicheres entdeckt.

Ich konnte es selbst sehen, da ich an diesem Tag im Homeoffice war und im Wohnzimmer saß. Plötzlich Krach auf der Terrasse, ich dachte erst, der DHL-Bote ist gestolpert. Aber es war ein Eichhörnchen, dass am All-Inclusive-Buffet derart Lärm gemacht hat. Das Aufnehmen einer Nuss mit dem Maul ist an sich ein recht leiser Vorgang. Wenn aber vorher andere Nüsse aussortiert und auf der ganzen Terrasse verteilt werden, hört sich das an, als würden Kleinkinder Boccia spielen, oder eben wie ein stolpernder DHL-Bote.

Das war es also auch nicht.

Fassen wir zusammen: kein Salat, keine Cremes, kein Schneckenabwehrsystem, keine Dämmung, kein Grillanzünder, kein organisierter Abtransport durch die heimische Tierwelt, wir hatten immer noch 19,93 kg Nüsse in der blauen Ikea-Tasche. Die, die das Eichhörnchen runtergeschmissen hat, hatten wir natürlich wieder eingesammelt.

Da hatten wir eine wirklich harte Nuss zu knacken, was mir langsam auf die Nuss ging.

Aber wir haben eine Lösung gefunden.

Nachdem wir zunächst unseren Eigenbedarf gedeckt haben – seit 3 Monaten steht eine riesige Nuss-Schüssel zum Knabbern auf dem Wohnzimmertisch, der Hund kann kaum noch durchs Zimmer laufen, da alles voller Schalen liegt, sind wir ins Walnuss-Business eingestiegen.

Angefangen haben wir mit lackierten Glücksnüssen und Dämmwolle bei ebay.
Schnell war ein Kleingewerbe mit einem Anfangskapital von knapp 20 kg Nüssen und einem Nussknacker gegründet, wir haben Nusslikör, Walnuss-Soße und Hautcreme ins Sortiment aufgenommen und treten auf den Wochenmärkten in der Umgebung als „Was sein muss, Nuss sein“ auf.
Und natürlich gab es auch einen LinkedIn-Beitrag in der typischen LinkedIn-Sprache (siehe auch Folge 20), die die KI so gerne generiert:

*************************************************************************
Vom Garagen-Hustle zum Wochenmarkt-Business: Warum du einfach starten musst. 🚀👇

Anfangskapital: 20 kg Nüsse 🥜 & 1 Nussknacker 🔨 Geschäftsmodell 1.0: Lackierte Glücksnüsse und Dämmwolle auf eBay.

Klingt verrückt? War es auch. Aber genau das war unser Minimum Viable Product (MVP).

Viele warten jahrelang auf die „perfekte Idee“, schreiben 50-seitige Businesspläne und analysieren den Markt kaputt. Wir haben einfach gemacht.

🚀 Unsere Key Learnings von der Straße:

1️⃣ Pivotieren ist Pflicht: Aus Glücksnüssen wurden schnell Nusslikör, Walnuss-Soße und sogar Hautcreme. Wer nicht agil bleibt, verliert.
2️⃣ Field Work schlägt Marktstudien: Heute stehen wir als „Was sein muss, Nuss sein“ auf den lokalen Wochenmärkten. Direkt am Kunden. Direktes Feedback. Ungefiltert.
3️⃣ Bootstrapping pur: Man braucht kein Millionen-Investment, um etwas Echtes aufzubauen. Manchmal reichen Leidenschaft, Mut und ein Nussknacker.

Egal wie nischig dein Produkt ist – wenn Quality, Story und Passion stimmen, finden deine Kunden dich.

Manchmal muss man eben ein paar harte Nüsse knacken, um zu wachsen. 💪🌱

👇 Mich würde brennend interessieren: Was sind Eure Erfahrungen mit Nüssen?

#Gründertum #Bootstrapping #Entrepreneurship #Startups #Storytelling #Mindset #BusinessGrowth

*************************************************************************

Typisch LinkedIn, typisch KI. Triviales wird zur Wissenschaft aufgepumpt, mindestens vier Emojis pro Satz, eine Aufzählung, und ganz wichtig: die offene Frage am Ende. Wir wollen ja Engagement generieren, sorry, wir wollen, dass die Leute klicken.

Wer noch die Ewings aus Dallas im Ölgeschäft kennt: das werden wir in Berlin in der Walnuss-Branche.
Der nächste Schritt wird eine Walnuss-Baumschule sein, vielleicht im Garten meiner Schwägerin, wo interessierte, naturverbundene Berliner vom Setzling bis zum ausgewachsenen Baum alles bekommen kommen.

Natürlich werdet Ihr bemerkt haben, dass ein großer Teil dieser Geschichte ein wenig übertrieben ist und einige Dinge so nicht wirklich stattgefunden haben. Ganz erfunden ist sie dennoch nicht, denn Auslöser war ein Eichhörnchen, das Nüsse von unserer Terrasse geklaut hat, die ich von meiner Schwägerin bekommen habe. Die Nüsse, nicht die Terrasse. Das war so niedlich, dass ich dazu was schreiben musste.

Und auch die Baumschule war nicht komplett frei erfunden. Denn fünf der sieben Nüsse, die das Eichhörnchen abgeholt hat, wurden offenbar vergessen und keimen nun fröhlich im Hochbeet vor sich hin.

Und wenn jetzt jemand meint, darüber was Schlechtes sagen zu müssen, der kriegt eins auf die Nuss.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert