Diese Folge heißt Jubiläum. Nun fragt Ihr Euch vielleicht: was, wieso? Ist doch die 21.
Ja, stimmt, aber ich habe Jubiläum. Gleich zweimal. Einmal bin ich vor ein paar Tagen 60 geworden.
Nun ist das kein Grund für eine eigene Folge. Ich hab‘ ja kaum Anteil dran.
Für meine Geburt kann ich nichts, das Wachsen ist weitgehend automatisch passiert, ich springe nicht Fallschirm, fahre (mittlerweile) halbwegs gesittet Auto, ok, ich rauche, habe aber auch jahrzehntelang Sport getrieben. Wenn man da nicht zufällig vom Schicksal ausgewählt wird, sollte man 60 eigentlich schaffen.
Also, Feiern ja, sich über Familie, Freunde und Kollegen freuen, die superschöne Sachen vorbereitet hatten, ja. Eine eigene Folge dafür, nein.
Aber in ein paar Tagen habe ich 40-jähriges Dienst-Jubiläum. Und dafür kann ich sehr wohl etwas. In Folge 18 hatte ich schon mal kurz erzählt über Bewag, Dienstreisen ins Kraftwerk Reuter, dann Hamburg, dann Stockholm. Reichlich Gesellschaften, Standorte, Abteilungsnamen und Vorgesetzte, zig-mal umstrukturiert.
Das soll jetzt kein 40-Jahres-Rückblick werden, sonst wäre es eine Biografie. Aber die eine oder andere Geschichte, die sich in dieser Zeit zugetragen hat, kann man hier ruhig mal erzählen.
Wie alles begann
1986 hat das alles angefangen. Übrigens: Anfang. In Folge 17 gab es schon einmal ein kleines Wortspiel mit den Trainern von Fortuna Düsseldorf. Trainer Anfang wurde gefeuert, Trainer Ende hat angefangen.
Nun ist die Fortuna mit zwei Niederlagen in die neue Saison gestartet und schon wird gemunkelt, dass nach dem Ende von Anfang und dem Anfang von Ende jetzt vielleicht das Ende von Ende folgen muss und man sich Indermitte (Trainer aus Estland) trifft.
Aber zurück ins Jahr 1986, wo einiges anders war als heute. Wir sind damals zwar nicht mehr mit Bärenfell und Keule durch die Büros gelaufen, wir mussten uns kein Essen jagen, es gab schon eine Kantine, aber mein erstes Auto zum Beispiel hatte noch ‘ne Kurbel. Nicht vorne, dann wäre er von 1886. Aber am Fenster.
60 PS, da hat heute jeder Thermomix mehr und ’ne Reifengröße, die werden heute auf Kinderwagen verbaut. Kein ABS, kein Navi. Das Navi war der ADAC-Atlas oder der Orientierungssinn. Und keine Servolenkung. Ich hatte damals auf meinem B Ascona 185er-Reifen montiert, da hatte man nach engem Einparken schon mal am nächsten Tag einen Muskelkater. Heute bringst Du 255er mit einem einzigen Finger auf den rechten Weg.
Und die Ausbildung, die ersten drei Jahre meines Arbeitslebens, lief auch etwas anders als heute. Akten sortieren, stempeln und ablegen müssen unsere heutigen Azubis und Dualstudenten hoffentlich nicht mehr. Und sie sitzen wohl auch nicht mehr an grün leuchtenden 13-Zoll-Monitoren, außer sie haben Wandertag ins Technikmuseum.
Der Umgang mit Commodore-Rechnern mit 286er-Prozessor, MS-DOS und 640 kB Speicher ohne Netzwerk wurde dank politischer Veränderungen um Erfahrungen mit Robotron-Technik ergänzt. Schnell lernten wir Wessis, wie man einen Trabant-Kofferraum optimal mit Computern bepackt und wie man sich in Bezirken zurechtfindet, wo über Nacht Straßen umbenannt wurden.
Legendär war damals der HP Deskjet 500, ein äußerst robuster Tintenstrahldrucker. Wenn der aus dem 3. Stock gefallen ist, hat man im Erdgeschoß einfach wieder ein Druckerkabel angeschlossen und das Ding druckte weiter. Laserdrucker hatten damals den Preis und das Gewicht von Kleinwagen. Heutige Laserdrucker sind zwar erschwinglich, sind aber im Vergleich zum Deskjet recht sensibel.
Hach nee, der Toner ist gerührt, nicht geschüttelt, das sind aber viele Daten, das Format weicht um einen Millimeter ab und das WLAN ist auch nicht exklusiv für mich, außerdem wurde das Papier nicht mit der Wasserwaage eingelegt, da drucke ich heute mal lieber nicht.
Ihr ahnt es schon, mein erster Arbeitsplatz nach der Ausbildung war PC-Betreuer.
Die Jahrtausendwende
Ende der 90er trennte sich der Berliner Senat von seinen Anteilen an der Bewag und wir waren plötzlich privatwirtschaftlich. Untrügliches Kennzeichen waren Heerscharen von Unternehmensberatern, die plötzlich durch die Abteilungen pflügten und alles auf links drehten.
Wer von Euch weiß noch, wofür Y2K stand? Na, dämmert’s? Das war die Abkürzung für den Irrsinn um das Jahr2000-Problem. 2000 ist größer als 1999, aber 00 ist kleiner als 99. Und so hatten findiger Berater plötzlich eine Geschäftsidee: Weltuntergangsszenarien wurden erschaffen, in denen weltweit Computerprogramme nicht mehr machen werden, was sie sollen. Was, wenn am 1.1.2000 nichts mehr funktioniert? Was, wenn Programme abstürzen, Fahrstühle steckenbleiben, Kaffeemaschinen kalt bleiben, Kraftwerke abschalten, Atombomben gezündet werden?
Niemand wollte daran schuld sein und so wurden alle, wirklich alle irgendwie elektronisch betriebenen Schaltungen überprüft. Registrierkassen, Klimaanlagen, Tamagochis, Kraftwerkswarten, Digitaluhren. Und am 31.12.99 stand das Königreich Tonga im Mittelpunkt. Die und die Australier hatten 8 Stunden vor uns den Datumswechsel und so konnte man auf einfachste Weise verfolgen, was wirklich passiert.
Passiert ist dann… nichts. In irgendeiner Bank in Argentinien ist wohl der Tresor erst im zweiten Versuch aufgegangen. Ob das ein Y2K-Problem war oder der Kassierer nur den falschen Code eingegeben hat, ist allerdings bis heute ungeklärt.
Bevor wir in das aktuelle Jahrtausend eintauchen,
eine kurze Frage:
Kann das Bein, dass Sie Wicht mit Ihrer Autokorrektur umgehen gönnen?
Denn: Leute, die Redewendungen falsch verwenden, nerven wie Drahtseile.
Die 2000er
Nachdem wir den Eintritt ins neue Jahrtausend alle irgendwie überlebt haben, ging’s dann richtig los. Handys wurden zur Massenware. Plötzlich konnte man nicht nur Berater und andere wichtige Leute mit Pilotenkoffer, sondern auch Uschi und Horst dabei beobachten, wie sie überall und jederzeit dem Rest der Welt privateste Dinge offenlegten.
Und Nokia hatte offenbar von Hewlett Packard gelernt. Was der Deskjet bei den Druckern, war das Nokia bei den Handys. Unverwüstlich, idiotensicher und eine Akkulaufzeit, die es noch den Erben ermöglichte, weiter zu telefonieren. Man munkelt, dass bei Ausgrabungen in Ägypten ein Nokia 3210 mit drei Balken Akku in einer Pyramide gefunden wurde.
Das hatte sich schnell auf den PC-Betreuer-Alltag ausgewirkt.
Anfangs liefen wir mit „Piepern“ rum und erhielten Nachrichten wie
„DR-4711: MAIER. STAU. SOS!“,
was so viel bedeutete wie „Druckerstörung in Raum 4711 bei Fr. Maier, Papierstau, dringend“.
Mit Diensthandys konnten wir nun von der Zentrale detailliert vorbereitet werden, inkl. Update über den aktuellen Gemütszustand von Frau Maier.
Die Vernetzung war längst vorangeschritten, dank DSL waren piepsende Modems, Modemse, Modi (?) und ISDN überflüssig geworden. Das Internet war massentauglich, jeder programmierte seine eigene Internetseite, mehr oder weniger informativ, oft weniger. Und die Bewag hatte ein Intranet. Welches ich ab 2000 betreuen und weiterentwickeln durfte.
Und womit motiviert man Leute, ein neues System zu nutzen? Mit Dingen, die diesen Leuten Spaß machen. Der Marktplatz war geboren. Noch heute, 26 Jahre später gibt es den Marktplatz und Kolleginnen und Kollegen treiben fleißig privaten Kleinanzeigen-Handel. Natürlich fanden auch dienstlich sinnvolle Dinge den Einzug ins Intranet und natürlich hatten auch andere Unternehmen ihre Intranets. Und so kam es, dass wir in den Nuller-Jahren… sagt man das wirklich so? Nuller-Jahre, hört sich abwertend an. Oder wie der Zeitraum, den man im Laufe seines Lebens auf der Toilette verbracht hat. Neunziger Jahre klingt ok, aber Nuller Jahre? Andererseits, „die zehn Jahre nach 2000″ ist auch irgendwie sperrig.
Egal, also in den Nuller-Jahren entstand die „Neue Kraft“ aus vier Unternehmen, u.a. auch der Bewag. Und natürlich wurde aus vier Intranets eins gemacht. Das war wohl die spannendste Aufgabe in meinen vierzig Jahren. Vier historisch und kulturell völlig unterschiedlich gewachsene Systeme wurden zu Einem. Das läuft bis heute und zum Marktplatz kamen Tippspiele und andere dienstlich nutzlose, aber motivierende Dinge. Und es wurde später mit den Intranets aus Schweden und den Niederlanden zusammengelegt. Kulturell und historisch, Ihr wisst schon. Die Zehner-Jahre waren für mich vergleichsweise ruhig, hier und da wurde was verkauft und gekauft, eingespart und umstrukturiert. Im Grunde aber konnte man in Ruhe weiterentwickeln. Wobei „in Ruhe“ relativ ist und auf Schwedisch wohl auch völlig anders übersetzt wird.
Zwischendurch wieder ein
Flacher:
Wer in Fremdwörtern nicht konfekt ist,
sollte damit nicht tapezieren gehen.
Also, produzier’ mich nicht,
sonst werde ich attraktiv.
Die letzte Dekade
Aus den vergangenen zehn Jahren kann ich dann schon wieder mehr erzählen. Ich wechselte in mein heutiges Team. Weniger international, weniger Intranet, mehr national und neue Technologien. Video, Texte schreiben und so. Doch zuvor gab es ein Programm, dass nach einem millionenfach verkauften VW-Modell benannt wurde. Und die Rede ist nicht vom Käfer. Dieses Programm zu überstehen war wohl die zweitspannendste Aufgabe meiner vierzig Jahre und mit Abstand die schwierigste. Bis dahin.
Denn ein Jahr später dachte sich ein chinesischer Chemie-Laborant, dass es eine gute Idee sei, die Labortür bei seinen Experimenten einfach offen zu lassen. Die Folgen sind uns alle bekannt und ohne diesen pfiffigen Bastler gäbe es diese Kolumne nicht. Am 22. April 2020 erschien im Intranet die allererste Folge „Das etwas andere Corona-Tagebuch“ (hier eins zu eins nachgeschrieben), das nach nur zehn Folgen in Extra-Blaß umbenannt wurde und heute, nach sechseinhalb Jahren lest Ihr die insgesamt 67. Folge.
Schlusswort
Und so schließt sich der Kreis. Aus dem zwanzigjährigen DV-Kaufmann wurde der sechzigjährige, ja was eigentlich? Entscheidet einfach selbst. Noch ein Dienst-Jubiläum werde ich definitiv nicht feiern, aber diese Kolumne geht auf jeden Fall erstmal weiter. Und geboren im Sternzeichen Opel war für mich VW sowieso nie ein Thema.

Hallo Micha,
danke für die amüsante Rückschau.
Ich hoffe, dass von mir 98/99 gebaute Intranet hat Dir nicht zu viel Kummer bereitet – es hat großen Spaß gemacht in jener progressiven Zeit zu arbeiten!
Viele Grüße
Aimo
(DV95)
Hallo Aimo,
keineswegs. In den 27 Jahren danach haben wir dazugelernt, aber für die damalige Zeit war es ein gelungener Anfang, der noch einige Zeit Bestand hatte.
Viele Grüße
Micha (DV86)