Extra-Blaß 18 – Vierzig Jahre

40 Jahre Auto fahren

Mahlzeit !

Einige von Euch sind noch keine 40 Jahre alt. Ich schon. Hin und wieder habe ich das hier bereits erwähnt. Außerdem sieht man es. Aber die 40 spielt in diesem Jahr für mich in zweierlei Hinsicht eine Rolle. Zum einen habe ich im Sommer 40 Jahre meinen Führerschein.

Fluch oder Segen? Für mich auf jeden Fall Segen, für andere, hm, das müssen die beurteilen. Um es mal mit dem Fußball zu vergleichen: ich habe einige gelbe Karten bekommen, meistens bei Auswärtsspielen in Flensburg, aber nie einen Platzverweis. Was mir übrigens in meiner aktiven Fußball-Karriere nicht gelungen ist. Aber bisher, toi, toi, toi, keine Sperre.

Das mag manchmal an nachlässigen Kontrollen gelegen haben, mit der Zeit kam vielleicht auch etwas Cleverness dazu, die Vorlieben unserer uniformierten Freunde und Helfer für besonders geeignete Messstellen zu erahnen und schließlich führt mittlerweile eine gewisse Altersmilde dazu, nicht jeden Golf GTI an der Ampel verdampfen zu müssen. Was sicher auch geholfen hat, war immer mit der grenzenlosen Dämlichkeit der anderen zu rechnen.
Aber noch viel wichtiger ist, es gab nie Personenschaden. Zwei, drei zerknitterte Kotflügel, aber nie Menschen.

Und heutige Autos machen ja eh fast alles von selbst, da kann man ja kaum noch einen Unfall bauen. Die bremsen von alleine, halten die Spur und sagen Dir, wann Du müde bist. In Kombination mit zig elektronischen Helfern wie ASR, ESP, ABS, DSC, HTML, FCKW und BSC ist es wohl derzeit das sicherste Fahren aller Zeiten. Und irgendwann werden sie Dir auch sagen, wenn es Zeit ist, den Führerschein zu schreddern und auf das Deutschland-Ticket umzusteigen. „Dein Auto hat jetzt weniger TÜV als Du Reaktionszeit. Soll ich Dir eine Jahreskarte buchen?“. Ich bin gespannt.

Nun ist es keine besondere Leistung, sich 40 Jahre lang irgendwie durch den Verkehr zu schlängeln und dabei vergleichsweise wenig anzurichten.

Bevor es weitergeht, ein

Flacher:

Denk dir mal ne Zahl aus.
34
Gibt’s schon.

40 Jahre

Die zweite 40, die in diesem Jahr für mich Bedeutung hat, ist da schon was anderes.
Im Herbst bin ich 40 Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber. Im Jahr 1986, der Beginn meiner Ausbildung, war die Energiewirtschaft eine andere. West-Berlin war eine Insel, also natürlich kein Wasser drumrum, keine Seehäfen und außer ein paar Ausflugsdampfern keine Schiffe, aber politisch. Und bei der Energieversorgung. Wir hatten eigene Kraftwerke und es gab keine Kunden, sondern Stromabnehmer. So wurden die häufig auch behandelt. Und wenn man keinen Faustkampf mit einem Ausbilder oder Vorgesetzten startete, war eine unbefristete Übernahme in einen Stamm-Arbeitsplatz die Regel. Viele Grüße an die heutigen Azubis und Dual-Studenten.

Anfang der 90er wurde liberalisiert, die ersten Unternehmensberater pflügten durch die Abteilungen, die Bewag wurde verkauft und kein Stein stand mehr auf dem anderen. War anfangs meine weiteste Dienstreise eine Fahrt von der Hauptverwaltung im Tiergarten ins Kraftwerk Reuter, ging es kurze Zeit später immer häufiger nach Hamburg und noch etwas später bis nach Stockholm. Das war für viele was ganz Besonderes. Quasi ein zusätzlicher goldener Stern auf den Schulterklappen.

Das hat das frühere Time/System ersetzt. Die Jüngeren fragen sich jetzt, was erzählt der alte Mann da. Time/System war in Zeiten, in den Handys die Größe von Gefriertruhen hatten, ein Statussymbol. Ein Ringbuch-Kalender, ungefähr A5, ausschließlich der Management-Ebene vorbehalten. Innerhalb des Managements konnte noch nach Plastik- und Leder-Einband unterschieden werden. Entsprechend lagen die immer gut sichtbar auf dem Schreibtisch, Notebooks gab’s da noch nicht.

Irgendwann brach man mit dieser Tradition und jeder, der ausreichend viele Termine hatte wie z. B. Außendienstler oder interne Dienstleister, bekam so ein Ding. Für einige stürzte damit eine Welt ein und zum Glück wurden Handys schnell kleiner und günstiger. Ein neues Statussymbol war geboren. Wer also mit einem Handy nach Stockholm musste bzw. durfte, hatte es im Grunde geschafft. Heute ist ein Handy so normal wie eine Gefriertruhe, nur viel kleiner. Und in Zeiten von Teams muss auch nicht mehr jede Besprechung vor Ort gemacht werden.  

Grob überschlagen hatte ich in der gesamten Zeit in sieben oder acht Gesellschaften an ebenso vielen Standorten mit zwanzig verschiedenen Vorgesetzten und fünfzehn Abteilungsleitern gearbeitet. Die verschiedenen Abteilungs-/Arbeitsgruppennamen konnte ich nicht mehr zählen. Die haben sich zwischenzeitlich halbjährlich geändert. Da wären elektronische, programmierbare Türschilder sinnvoll gewesen, da die Hausdruckerei kaum noch mit dem Druck der verschiedensten Bezeichnungen nachgekommen ist. Sogar den Begriff für diese Bezeichnungen, Organisationskennzeichen (OKZ), haben sie umbenannt, das heißt jetzt OLC (Organisation Letter Code).

Und jede größere Umstrukturierung oder Sparmaßnahme bekam einen Namen. Mal das Jahr, in dem es begonnen wurde (Bewag 2000), später wurde auch mal das amerikanische Militäralphabet zu Hilfe genommen (oder waren es VW-Modelle? Ich hab‘s verdrängt ). Neuerdings werden analog zur Politik wohlklingende, positive Namen genutzt. Was dem einen das Gute-Kita-Gesetz ist, ist dem anderen das Excellence Program.

Aber bevor das hier anfängt, negativ zu klingen… das war es natürlich nicht. Sonst wären es auch keine vierzig Jahre geworden. Mehr über diese vierzig Jahre gibt es sicherlich in einer der nächsten Folgen. Geschichten, Erinnerungen und Gedanken darüber habe ich jedenfalls mehr als genug.

Social Media

Trends kommen und gehen. Das ist in der Mode so, bei Frisuren und in unserer Sprache.

Schlaghosen und weiße Tennissocken hatten ihre beste Zeit ebenso wie Dauerwelle und Vokuhila. „Null Problemo“ ist mit Alf gegangen, „ich sag mal“ ist durch, „tatsächlich“ klingt langsam ab und andere Sprachungetüme werden ebenso bald wieder vergessen sein.
Facebook ist neuerdings als Plattform für die Ü50-Generation verschrien, Tictoc für U14.

Und auch die Inhalte wandeln sich rasend schnell. Lange Zeit waren Bilder von Lebensmitteln aktuell und wir wurden mit Überschriften erfreut wie „Leute, schaut mal, ich habe eine Zucchini geschält“, „Hej Follower, das bin ich beim Spaghetti essen. Das ist viel komplizierter als es aussieht.“ und „in den folgenden vierzig Minuten zeige ich Euch, wie man eine Scheibe Brot schmiert“. Dann folgten Unboxing-Videos, die uns erklärten, wie man Verpackungen öffnet. Quasi als Grundrauschen liefen immer „Life-Hacks“ mit. „So habe ich rausgefunden, wie eine Motorsäge funktioniert“ oder „wenn Ihr wissen wollt, wie schnell Sekundenkleber wirkt, schaut dieses Video“ machten die Runde, oft erst nach vollständiger Genesung der Autoren.

In letzter Zeit scheint das Interesse an Videos zu steigen, die sich mit dem Säubern von Teppichen (z.B. 1 und 2 ) beschäftigen. Da werden in einer gefliesten Halle, so groß wie ein Flugzeughangar, völlig verdreckte Teppiche ausgerollt. Und völlig verdreckt heißt in diesen Fällen, dass die mehrere Jahre direkt vor einem Abflussrohr gelagert wurden. Häufig sieht man beim Ausrollen der Teppiche, wie gerade noch rechtzeitig kleinere Säugetiere entkommen können, die es sich dort vorher offenbar eingerichtet haben.

Dann wird der Teppich mit einer Wassermenge eingeweicht, die ungefähr dem Fassungsvermögen des Gardasees entspricht. Es wird nun ein Fass mit irgendwelchen Chemikalien auf dem Teppich ausgebreitet, die in Europa sehr wahrscheinlich unter das Kriegsrecht fallen würden. Mit riesigen, rotierenden Saugern wird der Mix aus Gülle und Chemie nun aus dem Teppich geschoben. Da, wie schon beschrieben, die verwendete Wassermenge nicht unerheblich ist, trägt der Protagonist meist Gummistiefel oder Anglerhosen. Dieser Vorgang wird mehrfach wiederholt, bis nach und nach die ursprüngliche Farbe des Teppichs zum Vorschein kommt.

In der Halle, Austragungsort der ganzen Veranstaltung, steht man inzwischen knöchelhoch im Matsch, der Teppich erwacht jedoch langsam zu neuem Leben. Im finalen Schritt kommt ein weiteres Fass mit Chemie zum Einsatz. In Verbindung mit einem letzten Aufguss, wiederum einige hundert Liter Wasser, erscheint wie durch Zauberhand ein nagelneuer Teppich. Mit einem überdimensionalen Flitscher wird das letzte Restwasser aus dem Teppich geschoben, fertig. Der ganze Vorgang dauert im Video meist nur wenige Minuten, manchmal hat das aber auch Doku-Format.

In weiteren Videos wird dann gezeigt, wie man die Halle wieder sauber kriegt, die gerade geflutet wurde und in der sich tausende Liter Dreckwasser verteilt haben und in alle Fugen gesickert sind.

Ich weiß nicht, wer sowas braucht. Weder kenne ich Leute, denen diese Wassermengen zur Verfügung stehen noch welche, und das ist viel erfreulicher, deren Teppiche derart verdreckt sind. Außerdem erscheint es bei diesem Aufwand wesentlich wirtschaftlicher, einen neuen Teppich zu kaufen und den alten zu verbrennen oder zu sprengen.

Aber es scheint eine Nachfrage nach diesen Videos zu geben, die Klickzahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Hoffentlich nur ein Trend.

Bevor wir zum Schluss kommen, hier schnell noch der zweite

Flache

„Ein guter Freund von mir arbeitet in einer Brauerei.
Er gibt mir jede Woche acht Kästen Bier.“

„Und was machst du mit dem Rest?“

„Den kaufe ich bei Aldi.“

Schlusswort

Das nächste runde Jubiläum wäre die 50.

Ob ich mich 70 noch Auto fahre, weiß ich nicht. Arbeiten werde ich sicher nicht mehr.
Aber dank Social Media wird es genügend andere Themen geben, über die es sich lohnt zu schreiben. Vielleicht zeigt man uns dann, wie man Schlaghosen bügelt.

Bis zum nächsten Mal.


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