Mahlzeit !
Am 18.9. war es soweit. Mal wieder gab es eine Veranstaltung im Olympiastadion. Eine willkommene Abwechselung zwischen den Heimspielen von Hertha BSC.
Es war diesmal nicht ganz ausverkauft, die etwas mehr als zwanzig Zuschauer fanden genügend Platz in den eigens aufgestellten Stuhlreihen, aber immerhin war der Eintritt frei.
Aufmerksame Leser haben es sicher längst bemerkt, die Rede ist nicht von der altehrwürdigen Sportarena, sondern vom modernen Besprechungsraum im Südkreuz.
Zur besten Feierabend-Zeit fand sich dort ein gemischtes Publikum von Literaturkennern ein. Denen haben Ariane, Dirk und ich eine Stunde lang unsere Geschichten zum Besten gegeben.
Uns allen hat das wahnsinnig Spaß gemacht, auch wenn wir sehr klein angefangen haben. Zur großen Show hat schließlich einiges gefehlt. Kein „Halloooo Südkreuz, ihr seid ein großartiges Publikum“, keine Werbepause, kein Mic-Drop am Ende, keine Autogrammstunde.
Aber wer weiß, vielleicht gibt es ein nächsten Mal…
Der Flache zum Beginn
Tage, an denen man plant, Bananen zu essen, nennt man Bananenplantage.
Sanifair-Bon – die Aktie der Vielfahrer

Ihr habt doch alle diese Zettelchen irgendwo, oder?
Wer irgendwann in den letzten Jahren mal mit dem Auto eine längere Fahrt gemacht hat, hat garantiert mindestens eins dieser Dinger im Handschuhfach, in der Mittelkonsole oder unter den Rücksitzen.
Was ist das bitte für ein asoziales Geschäftsmodell?
Ich fahre, sagen wir die Strecke Berlin – Stuttgart.
Irgendwann nach rund zwei Stunden – ich bin auf der A9, in Thüringen, linke Spur, wenig Verkehr, kaum Verkehrsmeldungen, 130 km/h plus Umsatzsteuer, meine Playlist spielt – merke ich: ja richtig, bevor ich losgefahren bin, habe ich ja noch zwei Tassen Kaffee in mich reingekippt. Der will nun raus.
Da ich die Strecke öfter fahre, muss ich nicht mal aufs Navi schauen. Ich weiß, es sind noch ungefähr fünfzehn Minuten bis Rasthof Frankenwald, wenn’s gut läuft. Wenn nicht, dann eine Stunde und ich hätte ein Problem. Aber ’ne Viertelstunde halte ich noch durch.
Wer im Frankenwald schon mal Rast gemacht hat, weiß, dass das nicht ohne Grund Brückenrestaurant Frankenwald heißt. Über den Begriff Restaurant kann man streiten, Brücke stimmt aber. Zugänge auf beiden Richtungsfahrbahnen, das Restaurant auf der Brücke über der A9 verbindet beide Zugänge und bietet einen romantischen Blick aus der Vogelperspektive auf das hektische, aber schallgedämpfte Treiben unten auf der Autobahn.
So sitzt man beim in Klarsichtfolie eingepackten Mettbrötchen oder dem irgendwann früher mal frischen Stück Kirschkuchen, trinkt eine Tasse brühend heißen Automatenkaffee und schaut gedankenverloren auf die Lastwagen aus aller Herren Länder. Einige winken.
An die Tankstelle muss ich noch nicht, ich habe einen Verbrenner. Also parke ich so nahe wie möglich am Eingang des Rasthofes. Beim Aussteigen, die komfortable Sitzposition muss ich nun verlassen, meldet sich erneut der Kaffee: Lo-hos, mach, ich will raus. Beeil‘ Dich.
Das heißt für mich, da der Fahrstuhl nur alle 3 Minuten kommt und das viel zu spät wäre, zu Fuß die Treppe hoch, über die Brücke Richtung Toilette. Die ist nämlich auf der Seite Fahrtrichtung Berlin. Der Kaffee mahnt erneut zur Eile.
Ich erreiche das Drehkreuz der Toilette. Hier entscheidet sich alles. Gut oder böse, trocken oder nass, zivilisiert oder wie die Tiere. Der Kassenautomat dort kennt nämlich keine Karten, erst recht kein Paypal oder Apple Pay, nur 1-Euro-Münzen, vorzugsweise Deutsche mit dem Bundesadler, sporadisch auch die Österreicher mit Mozart. Hier trennen sich Spreu vom Weizen und Barzahler vom Kreditkartennutzer.
All die, die mit schmerzverzerrtem Gesicht in ihren Hosen, Rucksäcken und Handtaschen erfolglos rumwühlten, haben jetzt die Wahl, entweder würdelos durch den ausgeschnittenen Durchgang für Sechsjährige, die kleiner als 1,20 sind, zu krabbeln oder wieder runterzugehen und ein dichtes Gebüsch zu suchen. Manch einer hat auch schon seine Rolex oder das gute Boss-Sakko deutlich unter Marktpreis den anderen Restaurantbesuchern angeboten, um so die dringend benötigte Münze zu erhalten und wenigstens die Hose zu retten. Spreu.
Mir ist diese Art der Einlasskontrolle bekannt, da ich, wie schon erwähnt, die Strecke öfter fahre und auch gerne Kaffee trinke und ich nehme innerlich selbstzufrieden und mit wissendem Grinsen die vorbereitete Euromünze aus der Hosentasche. Weizen.
„Aus der Not eine Tugend machen“ trifft es nicht, hier gilt für einige „aus der Not in die Hose…“.
Und genau das meine ich mit asozialem Geschäftsmodell:
Wenn man in der Stadt essen gehen möchte und ein zu teures Restaurant findet oder der neue Fernseher im Elektronikmarkt nicht dem Marktvergleich standhält: tschüss, dann geht man eben zum nächsten. Diese Auswahl hat man hier nicht. Eventuell würde man es noch zurück zum Auto schaffen, nicht aber zum 80 km entfernten Rasthof Bayerischer Wald. Das sind selbst bei rasanter Fahrweise mindestens 30 Minuten. Zu viel. Und das Gebüsch ist bei diesem Verkehr auch nicht jedermanns Sache. Und verboten.
Hier wird eine Notsituation gnadenlos ausgenutzt.
All die, die es doch irgendwie durchs Drehkreuz geschafft haben, sei es mit einem Eurostück, einem Einkaufschip, zu zweit oder dem beherzten Hechtsprung durch den Minderjährigen-Eingang, bekommen fürs erfolgreiche Erledigen der Notdurft den Sanifair-Bon.
Sanifair hat hier das „perpetuum mobile“ neu erfunden. Man bekommt für den Toilettengang einen Gutschein, mit dem man Ware kaufen kann, die wiederum zwingend zum Toilettengang führt. Was für Sanifair das Geschäftsmodell, ist für den Reisenden ein Teufelskreis.
Es wird erzählt, dass schon Autos mit abgelaufenen TÜV vom Rasthof abgeschleppt wurden, weil deren Besitzer nicht rechtzeitig aus dieser Konsum- und Verdauungsspirale rausgefunden haben.
Ich habe den Ausstieg geschafft. Ich sammle die Dinger und lade damit meine Familie einmal im Jahr bei Burger King im Frankenwald zu einem üppigen Mittagsmenü ein.
Faultiere müssen nur einmal pro Woche, das wäre das Ende von Sanifair. Bei Menschen ist das anders und deshalb gilt: „Sanifair – Dein Geschäft ist unser Geschäft !“
Mit diesem wahren, aber wohl nicht brauchbaren Slogan kommen wir zur nächsten Geschichte. Mal wieder hat sich ein
Werbespot
für diese Kolumne qualifiziert. Aber schaut vielleicht erstmal selbst: Werbespot Uber Eats.
1:19 Minuten, die es in sich haben. Im Fernsehen ist der Spot aufgrund der hohen Preise für Werbeblöcke zum Glück um einiges kürzer. In beiden Fällen ist aber eigentlich eine Triggerwarnung zwingend erforderlich.
Unser Held ist heute David Hasselhoff und wir dürfen dabei sein, als er sich in seiner Garderobe auf den Auftritt vorbereitet. Hektisches Treiben im Hintergrund, David übt nochmal die erste Textzeile des Liedes, das ihn als Sänger berühmt gemacht hat und das er wohl schon mehrere tausend Male gesungen hat. Aber sicher ist sicher.
Ein Produktionshelfer ruft ihm zu, dass er noch 5 Minuten bis zum Auftritt hat, seine persönliche Assistentin möchte jedoch „erstmal essen“ und reicht ihm einen Mix aus Karotten- und Selleriestangen. Offensichtlich dreht David hier eine Low-budget-Produktion oder eine Gesünder-Leben-Kampagne. So oder so, er ist davon überhaupt nicht begeistert. Als Wegbereiter der deutschen Einheit hat er schließlich Besseres verdient. Seine Assistentin schaltet währenddessen von vollständigen Sätzen auf einzelne Wortfetzen um.
Manche Stars würden nun vielleicht die Helfer beleidigen, anschreien, mit Selleriestangen bewerfen, nicht so unser David. Das Grauen nimmt nun richtig Fahrt auf, halb spricht er, halb singt er „If you’re looking for Schnitzel – bestell mit Uber Eats“ zur Melodie des uns allen bekannten Welthits, quasi um dieses Meisterwerk deutsch-amerikanischen Sprachwirrwarrs für eine Anschlussverwendung vorzubereiten. Der umgehängte Klaviatur-Schal unterstützt das Belehrende dieses Satzes.
Zunächst erntet er nur entsetzte Blicke der Umstehenden. Seine Assistentin, nun in einen noch schrecklicheren Sprach-Sing-Mix verfallen, erweitert diese Zeilen um Döner, Chicken und weiterem Fastfood. David bestellt sofort alles Genannte mit der zufällig geöffneten Uber-App auf dem zufällig griffbereiten Handy.
Das Team um ihn herum beginnt zu tanzen. Wobei Tanzen zu viel gesagt ist. Es könnte auch das Signal an David sein, er möge sofort mit diesem Gesang aufhören. Der Produzent, zumindest deuten Frisur, Polyester-Oberhemd und Gestik auf diese Position hin, wittert Großes und möchte daraus sofort einen Song produzieren.
Gesagt, getan bzw. gesagt, gesungen:
Auf der Bühne, das eigentliche Programm wird kurzfristig über Bord geworfen, erweitert er seinen genialen Einfall von eben und schmettert:
„If you’re looking for Schnitzel – bestell mit Uber Eats,
if you’re looking for Döner – bestell mit Uber Eats“.
Seine Assistentin rappt dazu irgendwas mit 5-Sterne -Rating. Sie hat inzwischen wieder ganze Sätze für sich entdeckt, dafür entfällt nun die Betonung vollständig. Man kann eben nicht alles haben. Das Produktionsteam und die Zuschauer sind inzwischen sämtlich beliefert worden und essen. Natürlich alles von Uber Eats. Nebenbei erfahren wir, dass die Assistentin keinen Knoblauch verträgt. Hm, wahrscheinlich auch kein Sonnenlicht.
Nun kommt noch einmal David. Nach Schnitzel und Döner folgt die gleiche Textzeile mit „Burger“.
Der Produzent hat schon den weltweiten Erfolg vor seinem geistigen Auge und schwärmt von Dreifach-Platin. Doch gerade, als man denkt, nun das Schlimmste hinter sich zu haben, werden endlich auch die Protagonisten David und seine Assistentin beliefert. Statt einfach nur zu essen und den Clip ausklingen zu lassen, folgt von den beiden noch ein „Erstmal essen, erstmal Uber Eats“, nicht ohne sich gegenseitig die Gabeln mit baumelnden Essensresten zu zeigen.
So weit, so schlimm.
Gegen diese zusammengeschnittene Demontage einer Legende wirkt die „Seitenbacher“-Werbung auf mich wie ein Meisterwerk deutscher Dichtkunst. Und hätte die Assistentin damals schon mit David vor dem Brandenburger Tor gesungen, wer weiß, was aus der deutschen Einheit geworden wäre.
Wem das alles zu schlimm war und wer trotzdem ab und zu Essen bestellen möchte, hat ja immer noch Lieferando. Der Clip mit Kate Perry ist zwar auch ziemlich durchgeknallt, hat aber wenigstens so etwas wie eine Story und vor allem, er ist kürzer. Guten Appetit !
Zum Ende wie immer noch ein
Flachwitz
„Sag mal, wieviel kann ich trinken, bis ich 0,8 Promille habe?“
„Die nächsten zwei Tage erstmal gar nichts.“
Zum Schluss
Der Herbst kommt nun mit Riesenschritten, die 30 Grad-Tage sind vorbei. Was dagegen in der nächsten Folge kommt, weiß ich überhaupt noch nicht. Für die Lesung und diese Ausgabe habe ich mein Pulver erstmal verschossen. Da unsere Welt aber verrückt genug ist, bin ich sicher, auch wieder Geschichten für die dann 45.Folge zu finden. Die Uber-Werbung war schließlich auch nicht geplant und kam spontan ins Programm.
Bleibt gesund, habt einen schönen Herbst und wenn Ihr in den Herbstferien mit dem Auto verreist, denkt an das Ein-Euro-Stück.