Ich begann im März 2020, die Eindrücke der beginnenden Pandemie-Situation für mich aufzuschreiben. Hin und wieder blitzte etwas Ironie in den Notizen auf. Ich habe dann den gesamten Text versucht, in Richtung Ironie und Witz zu trimmen. Schließlich haben wir den Versuch gewagt, die Aufzeichnungen im Firmenintranet zu publizieren. Die Klickzahlen gingen durch die Decke, die Resonanz war überwältigend. Seit dem schreibe ich diese Kolumne regelmäßig, nach dem Ende der Pandemie mit mehr allgemeinen Bezug, aber immer noch mit dem Versuch, etwas witzig zu sein.
Mit dieser Folge fing vor viereinhalb Jahren alles im Intranet an:
Eine ganz persönliche Schilderung der aktuellen Situation
Mi 11.3.2020:
Ab morgen ist das Arbeiten von zu Hause aus empfohlen. Klar, warum nicht. Und übermorgen ist Freitag, also ist das eigentlich nur einen Tag früher ins Homeoffice als sonst. Ich sage wie immer „Tschüss“ zu den Kollegen. Man sieht sich.
Do 12.3.:
Meine Frau fährt zur Arbeit, das Kind geht in die Schule. Ich kann noch etwas entspannen, baue meine Technik auf. In der Teambesprechung nimmt Corona einen Teil der Zeit ein. Alles läuft wie immer, nur von zu Hause. Aber trotzdem ist da ein Gefühl, dass das noch nicht alles ist.
Fr 13.3.:
Friday business as usual.
Morgendliche Teambesprechung. Corona nimmt mehr Zeit ein.
Wir sprechen über das Tagesgeschäft. Später versuche ich, fünf Sondersendungen, drei Eilmeldungen von Spiegel Online und einige Facebook-Posts zu filtern, um mir eine Meinung zu bilden, zum Virus, zur Vorgehensweise, zur Zeit danach.
Mo 16.3.:
Heute ist der letzte Schultag. Für eine Weile. Meine Tochter (12) freut sich auf 3 Wochen zusätzliche Ferien. Wir müssen reden. 😉
Der Arbeitstag wird anders als sonst. Die Kolleginnen und Kollegen der IT empfehlen, es zu vermeiden, Videos anzusehen und Videokonferenzen durchzuführen. Im Team wird überlegt, wie wir die inzwischen häufigen Corona-News im Intranet am sinnvollsten darstellen können. Tagesgeschäft, ach ja, machen wir auch noch.
Di 17.3.:
Täglich neue Regelungen, Hinweise. Merkel, Söder, Health & Safety, HR, IT, wir sortieren.
Inzwischen haben wir von Video- auf Telefonkonferenz umgestellt. Hat auch Vorteile, ich muss das Arbeitszimmer nicht aufräumen.
Eine Corona-Infoseite im Intranet wird eingerichtet.
Auf meinem privaten Notebook, das ich inzwischen nutze, um VPN zu entlasten, geht eine E-Mail von der Schule meiner Tochter ein. Das Hausaufgabenpaket. Ich habe noch 20 Minuten bis zur nächsten Telko, wir machen eine Liste der Fächer, Lehrer und Abgabetermine.
Dann die Telko: Am Montag veranstalten wir, die Kommunikationsabteilung, eine Infoveranstaltung aus den Bürostandorten, die alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Intranet live ansehen können.
Zum Glück steht heute für die Schule nur Latein auf dem Stundenplan. Da hab‘ ich eh keine Ahnung.
Abends noch zum Friseur. Leben am Limit. Aber es muss sein. Und es gibt Gerüchte, dass irgendwann Geschäfte geschlossen werden. Dann lieber jetzt noch. Ich habe ein ungutes Gefühl.
Mi 18.3.:
Die Übersichtsseite im Intranet zur Corona-Pandemie hat astronomische Klickzahlen. Offenbar geht es den anderen Kolleginnen und Kollegen genauso wie mir: Sie haben Fragen. Erste Gerüchte machen die Runde, dass eine Ausgangssperre kommt. Wir überlegen uns, wie wir die geplante Dialogveranstaltung für kommenden Montag durchführen. Video scheidet aus, da würde die IT nicht mitspielen. Es bleibt Audio. Und PDF. Wir entscheiden uns für Audio. Zwischendurch für die Schule: Englisch, Present Perfect. Ich muss googeln.
Kümmert sich einer ums Tagesgeschäft? Na gut, dann aber morgen.
Ich höre die Begriffe Krisenstab, 7.000 VPN-Nutzer… ja, du darfst zwischendurch eine Stunde Minecraft spielen. Aber wenn die Telko zu Ende ist, guck ich mir die Englisch-Hausaufgaben an.
Früher gab‘s um die Zeit Mittag. Warm. Mit Kolleginnen und Kollegen. Private Gespräche. Die nette Kollegin in der Kantine, die kassiert. Es fehlt.
Do 19.3.:
Inzwischen hat sich der Tagesablauf komplett verändert. Wir hören fast nur Corona, Krise und „Bleibt gesund“. Ja klar, was sonst. Bei der Telko höre ich im Hintergrund Kinderstimmen. Ich freue mich, dass meine Tochter schon fast 13 ist. Und dass sie Hausaufgaben bekommen hat und diese selbständig erledigt. Fühle mich privilegiert. Mittagessen? Ein Brot zwischendurch tut es auch. Ich muss erst noch Parkplätze für Montag im Büro reservieren. Die Kollegin vom Facility Management lacht am Telefon. Welchen der 80 freien Plätze möchte ich denn haben? Aber S-Bahn fahren wäre dann doch zu viel des Guten. Dagegen wäre der Friseurbesuch vorgestern ein Kindergeburtstag gewesen. Heute steht Physik an. Mechanik. Ich hatte Physik-Leistungskurs und kann mich erinnern.
Das Passwort muss geändert werden. Ich bekomme Schweißausbrüche. Hin und wieder muss ich das Firmennotebook ja doch nutzen. Es funktioniert und ich bin erleichtert. Ach ja, seit heute ist meine Frau auch im Home-Office. Sie bekommt das Wohnzimmer, ich bleibe im Arbeitszimmer.

Bild: Eine Kollegin schickt eine Impression von ihrem derzeitigen Arbeitsplatz und einer der Quellen für die Kinderstimmen im Hintergrund der Telkos.
Fr 20.3.:
Der letzte Tag vor der Infoveranstaltung. Wir konnten nichts testen, da wir nicht im Büro waren. Was, wenn das schiefgeht. Ich vertraue unserem Dienstleister.
Tagesgeschäft? Vielleicht Montag. Die Kinderstimmen bei den Telkos werden lauter. Na und? Die werden ihren Grund haben. Die Eltern tun mir leid.
Wir gehen mittags eine kleine Runde spazieren. Unsere Kalender erlauben das und Minecraft hat eine Pause-Taste. Es wirkt komisch. Die Gegend ist sonst schon sehr ruhig, aber diesmal… wie ausgestorben. Schön war’s.
Irgendwas ist anders. Die Fritzbox blinkt. Mein Internetanschluss ist ausgefallen. Ich bekomme Panik. In 10 Minuten ist eine Teams-Besprechung und Vodafone hat eine Großstörung. Also das Handy raus und eingewählt. Mobil geht‘s ja noch. Im Arbeitszimmer habe ich keinen Mobilempfang. Und das Weiterleiten der Fritzbox ins WLAN hat sich gerade erledigt. Das Wohnzimmer ist bereits von meiner Frau gebucht. 30 Minuten Teams auf der Terrasse. Bei 3 Grad. Die Sonne scheint. Meine Frau zeigt mir den Daumen nach oben. Geht das Internet wieder oder war es gar nicht der Daumen? Internet …
Ich gehe wieder rein, wähle mich über das Notebook ein und möchte gerne ein Feuer machen.
Die Inhaltsangabe für irgendein Werk von Gerhart Hauptmann betreut diesmal meine Frau.
Meine Tochter merkt noch früh genug, dass ich nicht überall so standfest wie in Physik bin.
Einen klaren Feierabend gibt es übrigens seit Tagen nicht. Natürlich geht man auch um 19 Uhr ans Telefon. Es könnte ja ein Kollege sein, der jetzt erst Zeit hat.
Mo 23.3.:
Infoveranstaltung! Mit dem Auto brauche ich mindestens eine ¾ Stunde ins Büro, aber die S-Bahn scheidet aus. Um 7 Uhr aufbauen, also 6:15 los, 5:30 aufstehen. Das mag für andere normal klingen, für mich ist das normalerweise noch Tiefschlafphase. Ich fahre los und habe wieder dieses komische Gefühl. Nach 25 Minuten bin ich da. Berufsverkehr ist auch nicht das, was es mal war. Video-Verbindung nach Hamburg… steht. Verbindung ins Internet… steht… Ton läuft und Action… Wo noch im Januar über 100 Kolleginnen und Kollegen bei der Infoveranstaltung mit dem CEO vor Ort zugeschaut haben, stehen jetzt die beiden Manager und der Moderator. Mit jeweils 2 Meter Abstand. So haben wir das gelernt. Und verstanden. Dazu noch 2 Mitarbeiter der Videoagentur – und ich. Und – das sehe ich am Nachmittag – über 1.600 Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite der Leitung haben zugehört. Erleichterung. Und das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Wir gehen die Kommentare im Intranet durch. Wahnsinn, soviel Lob. Danach geht’s zurück nach Hause. Ich störe nur ungerne die Politik-Hausaufgaben, aber die Freude über die gelungene Veranstaltung muss raus. Wieder Telko, Teams, Telko, telefonieren. Hatte ich schon Telko erwähnt? Ich lese in den Kommentaren die Frage nach Erstattung für Strom und selbstgenutzte Geräte. Muss ich dann etwa im Gegenzug die Ersparnis für meine BVG-Sammelkarten an Vattenfall überweisen? Egal, jeder hat halt seine eigene Sicht auf die Dinge.
Di 24.3.:
Weiß noch jemand, was wir im Tagesgeschäft gemacht haben? Keiner?
Bleib doch mal in der Leitung… Die privaten Gespräche zwischendurch mit den Kolleginnen und Kollegen nehmen zu. Da muss was raus. Einige sind am Limit. Oder schon drüber. Lagerkoller, Kinderbetreuung, je nach Alter mehr oder weniger intensiv, die fehlenden sozialen Kontakte, die längeren Prozesse (eine Abstimmungs-E-Mail dauert leider länger als der Zuruf über die Schreibtischkante), die Dauerberieselung zu Corona, der komplett andere Tagesablauf, Schulfächer, mit denen man sich vor 35 Jahren zuletzt beschäftigt hat; bevor ich weiter drüber nachdenken kann, erfahre ich, dass am kommenden Montag erneut eine Dialogveranstaltung stattfinden soll. Ich klopfe mir auf die Schulter, dass ich letzte Woche eine Checkliste gemacht habe, obwohl kaum Zeit dafür war. Das macht es jetzt einfacher. Testen? Ach was, hat doch gestern prima geklappt. Und den Internetausfall hatte ich auch schon. Statistisch kann also nichts passieren (ja, ich hatte auch Mathe-Leistungskurs).
In Berlin-Spandau gab es in der Nacht eine Havarie. Mein Kollege rückt aus, um vor Ort der Presse Rede und Antwort zu stehen. Ich fühle mich schlecht, weil ich mich gestern über 5:30 Uhr beklagt habe. Dann vier Telkos in Folge. Zur dritten komme ich fünf Minuten zu spät, weil man auf der Toilette nicht telefonieren soll. Um 17 Uhr dann wieder ein kleiner Spaziergang und das inzwischen fast regelmäßige Austauschen mit den Kolleginnen und Kollegen. Welchen Tag haben wir heute? Abends kriege ich E-Mails von Eltern, dass das Hausaufgabenpaket unübersichtlich ist. Richtig, ich bin ja Elternvertreter. Ich wiegele ab und erkläre, was eine Liste mit Fächern, Lehrern und Abgabeterminen ist. Meine Wiederwahl scheint sicher.
Mi 25.3.:
In Spandau ist alles wieder in Ordnung, wir planen eine interne Kampagne. Das Thema bietet sich an: „Wie gehen Sie mit Corona und den veränderten Arbeitsbedingungen um?“. Und eine externe Kampagne. Kreative Arbeit. So schön. Nach der Telko geht es an die Arbeit. Die Planung muss umgesetzt werden. Wir hören, dass in Schweden über Deutschland und die neuen Corona-Regelungen gelächelt wird. Wir lächeln über Schweden und deren alte Corona-Regelungen. Ich spiele das VPN-Update ein und bin mächtig stolz auf unsere IT. Monitore dürfen ab sofort mit nach Hause genommen werden. Für viele eine super Sache. Abends dann mal andere Gedanken: möchte Söder doch Kanzler werden? Was, wenn es Laschet wird? Und wo ist eigentlich Röttgen? 1 Billion Euro! Haben wir soviel, muss das erst noch gedruckt werden? Wieviel wären das in SEK ?
Do 26.3.:
Mittlerweile wissen wir, wer wann der Kinder wegen Mittag macht und welche Ehepartner auch im Home-Office sind. Ich kann inzwischen an der Telko-Qualität raushören, wer Stahlbetonwände hat oder wer auf der Terrasse oder dem Balkon sitzt. Wir wachsen zusammen. Noch viel enger als sonst. Die ersten Kolleginnen und Kollegen antworten auf unsere Kampagne #WirSagenDanke. Es ist überall das Gleiche. Jeder versucht irgendwie, alles unter einen Hut zu bekommen. Die Rahmenbedingungen sind natürlich unterschiedlich, aber das Grundproblem ist immer gleich. Auch die Unterstützung, die man erhält, ist unterschiedlich.
Einwählen per VPN ist angesagt. Der deutsche Zugang ist überlastet, ich versuche den niederländischen und bin drin. Neem me niet kwalijk ! (Verzeiht mir). Am geplanten neuen Bürostandort wird Holz geliefert. Werden wir da irgendwann arbeiten dürfen? Bestimmt. Bei der Englisch-Hausaufgabe kann ich entspannen. In Bio steht das Zellmodell auf dem Plan. Das wurde sicher erst nach meiner Schulzeit erforscht. Ich muss googln. Dann erhalte ich eine Kurzeinweisung in Discord-Server und den Kreativmodus bei Minecraft. Will mich per VPN auf Discord einwählen und meine Tochter soll im Vattenfall Netz chatten. Da habe ich wohl was verwechselt.
Fr. 27.3.:
Teamrunde, letzte Vorbereitung der zweiten Infoveranstaltung, Weiterentwicklung der Kampagne, war der Vormittag schon immer so kurz? Rechtzeitig vor dem Wochenende erfahren wir, dass es in der kommenden Woche eine aktuelle Stellungnahme aus der Zentrale geben soll. In Anbetracht der Umstände verheißt das nichts Gutes. Aber das bisschen zusätzliche Unsicherheit macht jetzt auch nichts mehr.
Die ersten Hausaufgabenpakete werden per E-Mail an die Lehrer zurückgeschickt, das klappt alles prima. Wie es denen wohl geht? Die haben ja nicht nur unsere Klasse. Und wahrscheinlich die gleichen Herausforderungen wie wir. Und wie meine Kolleginnen und Kollegen.
Mo. 30.3.:
Montag früh, die zweite Infoveranstaltung live aus dem Berliner und dem Hamburger Bürogebäude für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht an. Früher gab es alle drei Monate eine. Jetzt schon die zweite in 8 Tagen. Früher haben wir wochenlang vorbereitet. Früher. Wann ging das eigentlich los mit Corona? Es kommt mir ewig vor. Ich schaue auf den Kalender und merke, dass ich noch nicht mal drei Wochen im Homeoffice bin. Kennen Sie noch dieses Gefühl aus der Schule? Sie schauen nach einer Ewigkeit auf die Uhr und glauben fest, dass die Stunde gleich um sein muss. Und dann ist es 8:05 Uhr. Da ist es wieder.
Wieder sind die Straßen leer, wieder stehe ich mit vier, fünf Menschen im riesigen Konferenzraum. Wir bekommen langsam Routine im Aufbau und überlegen ernsthaft, uns am kommenden Montag eine halbe Stunde später zu treffen. Leichtsinn, Selbstsicherheit oder nur der Wunsch, etwas länger zu schlafen?
Während der Veranstaltung ein bewegender Moment, als eine Sprecherin von ihrer aktuellen häuslichen Situation erzählt und ihr dabei die Stimme stockt. Das war beeindruckend und ging nahe.
Diesmal hören 2.300 Kolleginnen und Kollegen zu. Wahnsinn.
Di. 31.3.:
Ich bin jetzt systemrelevant. So steht es in dem Dokument meines Arbeitgebers, dass heute mit der Post kam. Ist das gut? Und was war ich vorher? Muss ich jetzt Anzug tragen? Keine Ahnung.
Inzwischen wird nicht mehr diskutiert, ob wir die nächste Infoveranstaltung machen, sondern nur noch mit wem. Für kommenden Montag ist wieder Vorstands-Besetzung dran.
Heute und morgen stehen ganztägige Workshops mit den Intranet-Kolleginnen und Kollegen in den anderen Ländern an. Eigentlich hätten wir uns im Ausland getroffen. Stattdessen nun via Teams. Schade, und sehr anstrengend.
Mi. 1.4.:
Ich warte darauf, dass jemand reinkommt und ruft: April, April. Keiner? Ok.
Mittlerweile sind die beiden täglichen kurzen Teamrunden eine Art Anker im Tagesablauf. Ich bekomme dadurch wieder ein Zeitgefühl und freue mich drauf. Wir müssen noch die Englisch-Korrektur machen und Mathe. Übermorgen ist Abgabetermin. Kein Problem. Bio und Latein wären deutlich schlimmer.
Die Nachmittags-Teamrunde nach weiteren sechs Stunden Workshop findet für mich auf der Terrasse bei strahlender Sonne und einer Tasse Kaffee statt. So macht’s sogar etwas Spaß.
Do. 2.4.:
Es gibt wieder Toilettenpapier! Die Familie atmet auf.
Stattdessen helfe ich lieber beim Geschichts-Referat:
Olympische Spiele. Also damals, wo noch halb nackt in Arenen gekämpft wurde. Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Olympischen Spielen und einer Olympiade? Ich schweife ab.
Fr. 3.4.:
Letzter Schultag. Niemand weiß, wann und wie es nach den Oster-Ferien weitergeht. Es werden noch die letzten Hausaufgaben an die Lehrer zurückgesendet. Faszinierend, wie schnell die das Thema Digitalisierung hinbekommen haben. Also, zumindest wenn man unter Digitalisierung E-Mail-Verkehr und eine Aufgaben-Cloud versteht. Aber besser als nichts. Andererseits: Der Antrag auf Fördermittel aus dem Digitalpakt für Schulen umfasst in Berlin 48 Seiten. Wahrscheinlich der gleiche Antrag, um einen Flughafen zu bauen. Da ist eine Cloud schon beachtlich. Für die Zeit nach den Ferien und einer anhaltenden Schließung der Schulen wurde MS Teams angekündigt. Meine Tochter nickt wissend, schließlich hat sie hier in den letzten Wochen täglich live miterleben können, wie Teams funktioniert.
Mo. 6.4.:
Mittlerweile nummerieren wir die Infoveranstaltungen. Das hilft bei der Abrechnung und bei der Unterscheidung von Ankündigungsnews, Aufzeichnung, Transskript, Einladungen, Briefings, Outlook-Einträgen, Sprecherlisten. Heute findet Corona III statt.
Inzwischen ist das Aufstehen um 5:30 zur Routine geworden und wir sind ein eingespieltes Team. Wir überlegen, ob das schon als gemeinsamer Haushalt zählt und wir noch den Abstand einhalten müssen. Aber bevor zu viel Gewöhnung aufkommt, spielen uns die Kollegen des Facility Management (irrtümlich) einen Probealarm ein. Zwischendurch etwas Abwechslung belebt den Kreislauf. Anschließend haben wir dann gemeinsam drüber gelacht.
Ist ein Ruhepuls um 160 eigentlich schädlich?
Außerdem ist heute der erste Ferientag. Das bedeutet, der tägliche Hausaufgabenblock entfällt und Entertainment ist angesagt. Denn selbst Minecraft wird nach einiger Zeit langweilig. Wir dehnen die Spaziergänge aus, abends werden die Fahrräder aus dem Winterschlaf erweckt.
Di. 7.4.:
Das wöchentliche Intranet-Meeting mit allen Kollegeninnen und Kollegen findet zwar weiterhin statt, fühlt sich aber jedes Mal wie eine andere Welt an. Strategische Planung versus kurzfristiges Organisieren für die nächsten zwei, drei Tage. Es gäbe so viel zu tun im Intranet, gerade jetzt.
Zurzeit liegt der Fokus zu fast 100 Prozent auf der internen Kommunikation. Ich erinnere mich, dass wir mal eine Abteilung hatten, die das hauptberuflich betrieben hat und hoffe auf Lerneffekte.
Mi. 8.4.:
Heute gibt es ein Webinar in englischer Sprache. Hätte das nicht vor einer Woche sein können? Vielleicht hätten die über die Hausaufgaben schauen können. Wenigstens weiß ich nun, wie man Statistiken aus Yammer ziehen kann. Irgendwann kehren wir ja zur Normalität zurück und ich werde mich wieder KPIs, Excel, Klickzahlen, Statistiken und deren Interpretationen widmen. Dann werde ich darauf zurückgreifen können. Hoffentlich habe ich es bis dahin nicht wieder vergessen.
Hin und wieder gehe ich nachmittags zum Supermarkt um die Ecke. Ein ganz kleiner. Und danach fühle ich mich jedes Mal, als wäre ich völlig kontaminiert und müsste mit Domestos duschen. Gehirnwäsche oder realistische Angst? Und mir tut die Kassiererin leid, die mehrere Stunden mit einer Gesichtsmaske hinter einer Plexiglasscheibe sitzen muss. Was geht es mir doch gut.
Do. 9.4.:
Ostern steht vor der Tür. Ich freue mich auf vier freie Tage am Stück. Freie? Naja, arbeitsfreie. So richtig frei werden sie nicht sein. Wir können spazieren, Radfahren. Aber wir müssen unserer Tochter erklären, dass ein Besuch bei Oma und Opa in Süddeutschland, für den vier Tage am Stück wie geschaffen wären, nicht geht.
Abends lerne ich, was R(0) ist und dass es für alle gut ist, wenn R(0) kleiner 1 ist. Frau Merkel erklärt, dass 1.2 bedeutet, 4 stecken je einen an, einer steckt zwei an. Gut, wenn Politiker eine abgeschlossene Ausbildung haben. Sie sagt aber nicht, warum der eine das macht. Und welche fünf das sind. Gibt es womöglich welche, die andere anstecken und die Frau Merkel gar nicht kennt. Da ich ein klein wenig von Statistik verstehe und die Messmethoden aufmerksam verfolge, … ich habe mal was über Fehlerbalken gelernt. Wenn eine Stoppuhr nur auf Zehntelsekunden genau ist, hat es keinen Sinn, Hundertstelsekunden auszuwerten. Ich schweife schon wieder ab, aber die ungenaue Stoppuhr macht mir trotzdem Sorgen.
Fr. 10.4. – Mo. 13.4. – Ostern
Di. 14.4.:
Corona IV. Routiniert gehen wir in die Veranstaltung, jeder kennt jeden Handgriff im Schlaf.
Was zu dieser Tageszeit durchaus von Vorteil ist. Durch Karfreitag hat sich die Vorbereitungszeit nochmal um einen Tag verringert, was soll’s. 2.100 Kolleginnen und Kollegen sind erneut dabei und wie es scheint, besteht noch immer großer Informationsbedarf. Ich bringe die Idee, die Übertragung zukünftig auch an private Endgeräte zu ermöglichen, erneut ins Spiel. Wir hatten das im Januar, also in der Epoche vor Corona, schon mal diskutiert. Jetzt hat es ein anderes Gewicht. Gespräche mit dem Dienstleister, mit der IT, mit der IT-Sicherheit, die alles entscheidende Budget-Frage. Alle arbeiten eng zusammen, geben sich größte Mühe. Ich bin zuversichtlich.
Das ist übrigens etwas, was mir extrem auffällt. Früher, also in besagter Epoche, musste man hin und wieder beharrlich nachhaken, um alle abteilungsübergreifend an einen Tisch zu bringen und zur Mitarbeit zu überzeugen. Das war auch nachvollziehbar, denn jeder hatte seine eigenen Zielvereinbarungen und Arbeit darüber hinaus muss man sich leisten können. Jetzt ziehen alle sofort an einem Strang, man kann sich fast blind aufeinander verlassen, niemand lässt den anderen hängen.
Um ein bisschen von unserer ursprünglichen Arbeit, die wir seit Wochen verschieben, zu erledigen, treffen wir uns zu dritt um 20:30 in Teams. Das Abendessen ist erledigt, die Kinder im Bett (das glaube ich zumindest), es kann also losgehen. Ich bin überrascht, wie konzentriert man um die Zeit noch arbeiten kann. Nach knapp zwei Stunden ist dann aber Schluss.
Auf Twitter lese ich, dass die Mutter von einem Bekannten an Corona verstorben ist.
Mi. 15.4.:
Die Bundeskanzlerin stellt die neuen Regelungen vor, die ab 20.4.2020 gelten sollen.
Wir hören aufmerksam zu. Schon deswegen, um am kommenden Montag im Dialog die möglichen Auswirkungen auf unser Arbeitsleben diskutieren zu können. Ich ahne, dass das am 20. etwas Größeres wird. Und bald können Friseure wieder öffnen. Dadurch wird es wahrscheinlich bei einer Wiedereröffnung der Büros nicht dazu kommen, dass Chewbacca und seine Freunde an die Arbeitsplätze zurückkehren, sondern ganz normal gestylte Kolleginnen und Kollegen.
Wir sehen uns wieder.