Extra-Blaß 15 – Die Schatzsuche

Mahlzeit !
Nach der kurzfristig ins Programm genommenen Ausgabe 14 über den Anschlag auf das Berliner Stromnetz haben wir es heute wieder mit einer “normalen” Ausgabe zu tun.

Und wir beginnen diesmal nicht mit einem

Flachen,

sondern mit einer Bauernweisheit:

Kommt zum Laub auch noch die Nässe,
fliegste gern mal auf die Fresse.

Anfang Februar fand mal wieder das wohl größte jährliche Sportereignis statt, der

Super Bowl

Für Sportinteressierte steht da meistens das Spiel im Mittelpunkt, für Musikinteressierte eher die „Halftime Show“. Immerhin treten da regelmäßig Weltstars auf, also Namen wie Prince, Bruce Springsteen, The Who, Madonna, Coldplay, Rihanna. Champions League eben. Auch Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, allesamt 2022 aufgetreten und allesamt vorbestraft. Den Vogel bzw. in diesem Jahr den Hasen schoss „Bad Bunny“ ab. Egal, ob nun Weltstar oder nicht: er trat inmitten drei Meter hohem Dickicht aus Schilf, Bambus und anderem Grünzeug auf.

Vielleicht zum Schutz der Zuschauer, vielleicht aber auch zum Schutz vor den Zuschauern.
Das Stadionpublikum hat jedenfalls vom Auftritt des bösen Hasen kaum etwas mitbekommen. Ein Privileg, das mir als Sportinteressiertem am Bildschirm nicht zuteilwurde. Das herbeigesehnte Ende war erst zu erkennen, als Hasi verstummte und der Dschungel wieder abgeräumt wurde, um dem sportlichen Treiben optimale Rahmenbedingungen für die zweite Halbzeit zu geben.

In der ersten Viertelpause, einem kurzen Seitenwechsel mit Werbepause, gab es noch etwas Bemerkenswertes von RTL. Es wurde Kool Savas vor das Mikro gezerrt. Ein 50-jähriger mit den Klamotten und der Sprache eines Vierzehnjährigen wird von einem betont coolen RTL-Kommentator gefragt, wie er das Ganze hier findet. Unter dem tiefgezogenen Basecap ertönt:
„Ja Mann, ich freue mich auch, Dich hier zu sehen. Geil.“
„Digga, das ist eine once-in-a-lifetime-experience, ich bin so glücklich, hier zu sein, Mann.“
„Digga, ich finde das endgeil, das ist super, Alter.“
Danke, kalter Krieg (so lautet Kool Savas übersetzt), wir sehen uns beim Sprachpanscher wieder.

Bevor wir zur nächsten Geschichte kommen, hier schon mal der zweite

Flache

Wenn Du fotografiert wirst, während Du einen Fotografen fotografierst,
bist Du ein fotografierter, fotografierender Fotografenfotografierer.

Die wahre Geschichte

Vielleicht ist das der Auftakt einer neuen Rubrik, vielleicht auch nur eine Eintagsfliege. Wir werden sehen. Auf jeden Fall aber möchte ich Euch die folgende Geschichte erzählen, die ich genauso erlebt habe. Nichts dazu erfunden, nicht übertrieben, genauso erlebt.

Vor etwa fünfzehn Jahren standen meine Frau und ich vor der Aufgabe, für meine Tochter, damals im Kindergartenalter, eine Geburtstagsparty zu organisieren. Die Freundinnen aus dem Kindergarten hatten schnell zugesagt, nur, was stellt man an mit einer Horde von 3-4-jährigen, die Winnie Puuh zitieren und sich in jeder freien Minute als Prinzessin verkleiden. Ja, damals waren Winnie Puuh, Yakari und Benjamin Blümchen die Helden. “Überall und jederzeit, die Superschnüffler sind bereit”. Während Tigger den Wald auf links drehte und Ferkel beim leisesten Räuspern vor Angst unter dem nächsten Sofa verschwand, suchte Puuh angestrengt den nächsten Honigtopf. Doch ich schweife ab. Törööö.

Da Puuh und seine Freunde häufig spannende Geschichten erlebten, musste auch zum Geburtstag etwas Spannendes her. Eine “Schatzsuche”.

Eine Schatztruhe war schnell gefunden, eine alte Holzkiste, neu angestrichen und ein goldener Edding für den Feinschliff. Auch der Inhalt war kein großes Hindernis. Damals durfte man bei Kindergeburtstagen noch Süßigkeiten statt selbst gepflückter Äpfel reichen, ohne direkt dem Jugendamt gemeldet zu werden. Und es gibt auch heute noch riesengroße Schokoladentaler in güldener Alu-Hülle, für die Goldmünzen war also gesorgt. Das Ganze wurde mit weiteren, verschiedensten Süßigkeiten angereichert. Ja, auf Vielfalt haben wir immer schon wert gelegt. Der Schatz war somit kein Problem mehr.

Dann kam die Schatzkarte. Der Startpunkt war denkbar einfach, das war die Verpflegungsstation für die Prinzessinnenhorde, also unsere Wohnanschrift. Das Ziel war schon etwas komplizierter. Es musste ein Ort sein, wo man die Truhe verstecken kann und während der Suche nicht als Einbrecher beschuldigt wird. Also halbwegs zugänglich. Da bot sich der Kinderspielplatz, gut fünf Gehminuten von uns entfernt, an. Die Karte war schnell erstellt, grobe Skizze, die wichtigsten Straßen, ein paar Anhaltspunkte wie Bushaltestelle, großer Platz, am Ende ein Gelände mit Schaukel, Rutsche, Sandkasten. Das konnten die nicht verfehlen. Und zur Not konnte meine Frau die Tour ja auch noch etwas beeinflussen.

Ich ging also als Vorhut zum Spielplatz, wohlwissend, dass ich ca. zehn Minuten Zeit habe, ein Versteck zu finden, bis meine Frau mit der Gruppe der Thronfolgerinnen auftaucht, um eben dieses Versteck zu suchen. Nun kann man die Truhe ja nicht einfach auf die Schaukel stellen. Erstens sind da noch andere Kinder, zweitens sind die Spielgeräte dort ständig in Betrieb und drittens sieht man die dort sofort. Was macht der Micha also, um ein besonders cleveres Versteck zu finden. Er sieht ein Gebüsch.

Genial, dachte ich. Sie werden als Erstes die Rutsche inspizieren, das machen die sonst auch immer. Dann den Kletterparkour, vielleicht noch die Schaukel. Auf das Gebüsch kommen die nie. Nun ist ganz in der Nähe des Gebüsches eine Sitzbank für die Eltern. Und “für die Eltern” ist nicht ganz präzise, es saßen zu der besagten Zeit dort ausschließlich Mütter. Aufmerksame Mütter. Sehr aufmerksame Mütter. Mütter, die voller Sorge um ihre Kinder sind. Also sehr aufmerksame, besorgte Mütter.

Und die sahen einen Mann, der allein in einem Gebüsch auf einem Kinderspielplatz rumkriecht. Die Kiste haben sie nicht gesehen, die hatte ich bereits gut versteckt. Ich fasse nochmal kurz zusammen: auf der einen Seite ein Mann, der aus einem Gebüsch auf einem Kinderspielplatz rauskriecht, unbewaffnet, lediglich ein Handy für eventuelle Fotos hatte ich bei mir.

Auf der anderen Seite eine Gruppe von Müttern, völlig ahnungslos ob meiner zweifellos gutgemeinten Absicht, wohl aber besorgt. Und aufmerksam. Und bewaffnet. Mit Trinkflaschen, Tupperdosen, Sandförmchen, Windelbeuteln. Das anfängliche Tuscheln, Ausdruck der Besorgnis, schlug dann recht zügig in Empörung um, sichtbar an den bösen Blicken, die mich wie Pfeile trafen. Einige Mütter standen bereits auf, um einen besseren Blick auf das vermeintlich strafbare Treiben zu erlangen. Mir war klar, dass die Zeit bis zur endgültigen Eskalation knapp wurde und ich hoffte, dass meine Frau mit der royalen Truppe bald das Ziel ihrer Tour erreichen würde.

Und gerade, als ich in Gedanken das Zischen der fliegenden Tupperdosen, das Sirenengeheul der Streifenwagen und das Klicken der Handschellen hören konnte, sah ich die Gruppe suchender Kinder in Märchenkostümen den Spielplatz erreichen. Mit einem siegesbewussten Grinsen in Richtung der kampfbereiten Frauen und einem lauten “Da seid Ihr ja”, gefolgt von einem gedachten “endlich” ging ich einige Schritte in Richtung meiner innig herbeigesehnten Tochter nebst ihrer Gefolgschaft, ganz zufällig brachte ich dabei noch einige Meter zusätzlichen Abstand zwischen mich und der kampfbereiten Frauenmeute. Deren Blicke wiederum waren eine Mischung aus Erleichterung, aber auch Enttäuschung um die entgangene Lynch-Orgie.

Ich habe dann noch ein paar Mal versucht, die Geburtstags-Truppe an Orte zu lenken, die die Suche etwas verlängern, dabei jedoch nie das Mütter-SEK aus den Augen verloren. Die Kiste wurde irgendwann gefunden, alle waren glücklich, ich auch einigermaßen erleichtert, die Schatzsuche war ein voller Erfolg.

Ein Jahr später sind wir dann alle ins Kino gegangen.

Schlusswort

Ob nun Bad Bunny oder Bugs Bunny, ob Madonna oder die Eiskönigin, im TV ist für jeden und für jede Altersklasse etwas dabei. Und wenn es partout nicht den eigenen Geschmack trifft, kann man immer noch selbst für Unterhaltung sorgen. Zur Not allein als Mann auf einem Kinderspielplatz. Bis zum nächsten Mal. Töröö.

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