Mahlzeit !
Der Januar ist eigentlich der Monat der Jahresrückblicke. So hab’ ich das bisher in dieser Kolumne auch immer gehalten, z.B. im Januar 25 mit dem Rückblick auf 2024. Aber Menschen 25, 2025 – das Quiz, Salatdressings 25, irre Werbeclips 25, 2025 – Aufstieg und Fall der Kräuterbutter und noch ein paar andere schnell zusammengetackerte Sammlungen von Nachrichten-Restposten haben bereits so ziemlich alles Berichtenswertes und vor allem Nicht-Berichtenswertes abgedeckt. Und wem das noch nicht reicht, der kann in der Spotify-App nachschauen, wie lange er im vergangenen Jahr welche Musik gehört hat. Oder man protokolliert in einem Smarthome, wie oft und wie lange das WC …
Was bleibt da noch für mich? Vielleicht ein Ausblick auf 2026? Aber was will man da schreiben? Über Politik schreibe ich hier nicht, aber andere Themen? Es konnte schon niemand das Jahr 2025 vorhersagen. Oder hätte jemand von Euch die Bundespolitik, den Anteil von KI-generierten Beiträgen in sozialen Netzwerken, 90-Gramm-Milka-Tafeln oder die Marktwertentwicklung von Kennet Eichhorn vorhersagen können? Seht Ihr. Aber ein paar Prognosen für 2026 kann ich trotzdem mal wagen.
Erstens: die Fußball-WM 2026 wird in wohl Nordamerika stattfinden. Außer Präsident Trump will noch weitere Preise von der Fifa. Wenn die dann keine Pokale vorrätig haben, wird es eng. Aber sonst: Nordamerika.
Zweitens: unser Hund wird auch in diesem Jahr wieder gnadenlos jeden anbellen, der sich unserem Garten näher als 2 km Luftlinie nähert.
Drittens: es wird noch schwerer werden, zwischen echten und KI-Nachrichten zu unterscheiden. Außer der Spiegel macht aus der kleinen journalistischen Panne im Oktober einen neuen Standard. Dann wird es wieder einfacher.

Und ich hatte auch schon ein paar Themen für diese Ausgabe, die dann aber gleich am Jahresanfang durch etwas ganz Aktuelles überholt wurden. Die folgende Geschichte ist zwar überhaupt nicht lustig, aber das waren die Anfänge dieser Kolumne mit dem Corona-Tagebuch auch nicht und deshalb passt das dann doch ganz gut hierher.
Aber da stand doch ein Zaun
Am Samstag, den 3. Januar morgens um halb 7 beendet ein nerviges Piepen meinen Schlaf, der an eben diesen Samstagen gewöhnlich um einiges länger dauert. Da ich einige Smarthome-Geräte in der Wohnung betreibe, die selten, aber zuverlässig Dinge tun, die nicht vorhersehbar sind, mache ich mir zunächst keine Sorgen und gehe schlaftrunken auf die Suche. Immer dem Piepen nach.
Zwei schmerzhafte Begegnungen zwischen Zeh und Tischbein später ist die Lärmquelle schnell ausgemacht: eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV), die mir im Fall der Fälle Zeit verschaffen soll, einige Rechner geregelt runterzufahren, statt sie einfach abrupt vom Netz zu trennen. Nun ist die Kapazität einer USV endlich, irgendwann geht auch sie einfach aus. Und die letzten Momente, bevor sie das tut, zeigt sie dann eben mit nervigem Piepen an. Kein Problem, Licht anmachen, Sicherungskasten prüfen. Hm, doch ein Problem, denn das Licht geht gar nicht erst an. Die Handy-Taschenlampe zeigt mir den Weg zum Sicherungskasten. FI-Schalter ist drin, alles andere auch.
Als ehemaliger PC-Betreuer habe ich gelernt, Fehler einzugrenzen. Und den Anwender zu beschäftigen, um Zeit zu gewinnen. Aber das ist ein ganz anderes Thema, diesmal bin ich ja der Anwender. Also raus in den Hausflur, Treppenhausbeleuchtung geht auch nicht. Ich bin also nicht allein mit dem Problem. Das beruhigt ein klein wenig, denn geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.
Kühlschrank und Gefriertruhe machen erstmal, was sie sollen, auch ohne Strom. Keine akute Gefahr also, ich kann mich nochmal hinlegen. Schließlich klärt sich ja sowas oft nach kurzer Zeit von selbst. Irgendwie ist die erneute Schlafphase dann aber doch etwas kurz und unruhig, schon um 8 Uhr wache ich wieder auf. Mein Versuch, die Rollläden per Schalter zu einer Bewegung zu überreden, scheitert kläglich. Auch der Lichtschalter verneint meine Bitte, das Zimmer zu erhellen. Ich starte mein Notebook und suche nach “Stromstörung Lichterfelde”.

Vom Stromausfall betroffene Gebiete im Südwesten Berlins am Samstag mittag
Das Ergebnis gibt Grund zur Sorge. Normalerweise interessiert es niemanden, wenn irgendjemand einen Verteilerkasten umgehauen hat und ein Straßenzug mal für ne Weile dunkel bleibt. Da findet man dann auf der dritten Seite bei Google irgendeinen Beitrag aus der Apotheken-Rundschau zu dem Thema. Was ich aber hier an Treffern sehe, erschlägt mich. Ich wende mich der Expertenseite von Stromnetz Berlin zu. Eine Kabelbrücke brannte. Ok, das hört sich nach etwas Größerem an. Voraussichtliche Störungsbehebung ist 18 Uhr und gilt für den gesamten Südwesten Berlins. Nicht schön, wirft die Tagesplanung etwas um, aber damit kann man irgendwie leben. Kurze Zeit später heißt es: 18:30.
Jetzt werde auch ich nervös. Wenn Zeiten nach hinten geschoben werden, wissen die schon mehr als vorher. Und in diesem Fall ist das wohl nichts Gutes. Und ich google: „Funktionieren Toiletten bei Stromausfall?“. Dem Hinweis, dass es ab der 5. Etage eng wird, weil dann Schwerkraft durch elektrische Pumpen ersetzt werden muss, sehe ich gelassen entgegen. Wir wohnen im Erdgeschoß. An dieser Front bzw. aus der Toilette droht wohl keine Gefahr. Der wahre Ernst der Lage zeigt sich sehr schnell, wir müssen ohne warmen Kaffee frühstücken. Dann überlegen wir, wie wir über den Sonntag kommen, falls nötig. Und ich notiere mir, die Kaffeemaschine an die USV anzuschließen, sobald das hier alles vorbei ist.
Dann heißt es plötzlich: Störung auf unbestimmte Zeit. Ich werde nun noch nervöser. Das kann ja alles bedeuten. Wir sammeln unsere Gedanken und erweitern das Überlebensszenario über den Sonntag hinaus. Lieber heute noch alles einkaufen, noch sind die Geschäfte geöffnet. Am Montag wird es in den Geschäften aussehen wie zu Corona-Zeiten. Kein Toilettenpapier, keine Hefe, diesmal wohl auch keine Kerzen, keine Batterien. Ich lade mein Handy über das Notebook auf, quasi eine große Powerbank mit Tastatur und Display, und richte einen Hotspot ein. Ich habe Telekom, meine Frau und meine Tochter Vodafone. Normalerweise, heute nicht.
Wir basteln schnell eine Einkaufsliste, die im Wesentlichen aus Taschenlampen, Kerzen und Lebensmitteln, die kalt genießbar sind, besteht. Auf einen Gaskocher verzichten wir, weil auf der Terrasse der gute Gasgrill steht. Bei Minusgraden bringt das nicht den vollen Spaß, aber in der Not frisst der Teufel halt im Wintermantel seine Fliegen.
Und natürlich nehmen wir auch Bestellungen der Nachbarn an. Das nahegelegene OBI hat zwar Strom, aber kaum noch Taschenlampen. Und es zahlt sich unsere jahrelange Affinität zu IKEA aus. Als ich von der Einkaufstour zurückkomme, begrüßen mich Dutzende Teelichter, die nicht nur das zur Kommandozentrale umfunktionierte Wohnzimmer erhellen, sondern auch das drohende Auskühlen ein klein wenig verzögern.
Der Einkauf wird bei den Nachbarn verteilt, man tauscht Kerzen gegen Batterien, Lampen gegen Lebensmittel, Ratschläge gegen Lebenserfahrung. Meine Oma, eine der berühmten Berliner Trümmerfrauen, hätte sich damit sicher ausgekannt und Tipps geben können. Meine Tochter bemerkt, dass wichtige Dateien, die sie für Montag benötigt, in der Cloud liegen und organisiert sich WLAN-Asyl bei einer Freundin. Dann die Meldung, die uns erstmal die Beine wegzieht: Störungsbeseitigung dauert bis Donnerstag!
Wir haben Samstag, das sind noch fünf Tage und vor allem fünf Nächte. Nächte, in denen bis zu minus zwölf Grad vorhergesagt sind. Ich weiß, dass man nur rund 1.500 km südöstlich von Berlin über meine Sorgen lacht. Dort sind die Kraftwerke zerbombt und der Winter ist deutlich kälter. Da gibt es keinen Termin für eine Wiedereinschaltung. Dieser und vieles andere wird gerade von der Weltpolitik langwierig verhandelt. Das kann da noch Jahre dauern. Aber für unsereins sind auch schon fünf Tage eine Riesenhürde.
Zurück nach Berlin. Inzwischen treffen weitere Care-Pakete von Freunden und Bekannten ein. Batterien, Camping-Lampen, Kerzen, Wurst im Glas. Und irgendwann zwischendurch stellen wir den Inhalt der Gefriertruhe einfach auf die Terrasse. Schließlich ist der Temperaturunterschied zumindest nachts kaum messbar. Als alle Lampen in Betrieb genommen, alle Kerzen ausgepackt und alle Lebensmittel verstaut sind, piept das Handy.
Seit heute morgen reagiere ich auf Piepen deutlich angespannter als sonst, doch diesmal sollte es eine positive Ursache haben. RBB online mit einer Eilmeldung: Lichterfelde wird noch am Samstag in den späten Abendstunden wieder Strom haben. Ich kenne das sonst eigentlich nur von Hertha. Du bist neunzig Minuten lang enttäuscht, weil es mal wieder nicht zum Sieg gegen irgendeine Kirmes-Truppe aus der 2.Liga reicht, und am Ende machen sie doch noch das Siegtor in der Nachspielzeit. Alles ist vergessen, grenzenlose Glückseligkeit, man liegt sich in den Armen. So auch diesmal. Mehrmals checken wir verschiedenste Quellen, ob es wirklich um Lichterfelde geht, ob das gesamte Lichterfelde gemeint ist und ob es wirklich heute sein soll. Aber es scheint, als sollten wir diesmal auf der Sonnenseite bzw. in diesem Fall auf der bald wieder erleuchteten Seite stehen.
Spontan wird ein Abendessen bei den Nachbarn vereinbart, von denen uns lediglich der Hausflur trennt. Wir hätten zwar einfach etwas Essen gehen können, schließlich ist ein paar Kilometer weiter die Welt noch in Ordnung und mit Strom versorgt. Die Verbindung aus ausgefallener Alarmanlage und Erdgeschosswohnung, die Tatsache, dass u.a. dies berlin-weit bekannt ist und das fehlende Licht der inzwischen untergegangenen Sonne veranlasst uns dann aber zu einem gemütlichen Beisammensein zuhause mit regionalen Spezialitäten von Burger King und zimmerwarmem Bier.
Die Gemütlichkeit der Teelichter und die Perspektive auf eine wärmende Nacht gleichen vieles aus. Und es gibt einen Tippzettel, wo jeder notiert, was „späte Abendstunden“ wohl genau bedeutet. Da fallen um 20 Uhr schon die ersten raus. Gegen 23 Uhr kehren wir in unsere inzwischen gut durchgekühlte Wohnung zurück. Ich bin der Einzige, der mit seinem Tipp noch im Rennen ist: 23:59. Schließlich hatte ich mal eine Ausbildung bei einem großen Berliner Energieversorger. Und da lernt man, dass nicht alles auf einmal eingeschaltet werden kann, weil sonst gleich wieder alles aus ist. Aber auch mein Tipp ist irgendwann falsch, wir gehen schlafen.
Sonntag früh um 3 springen verschiedenste Geräte mehr oder wenig lautstark an. Der Laserdrucker rattert, die zahlreichen Alexas, Alexi, Alexen, also die Amazon Echos blinken bunt vor sich hin. Das ist ein gutes Zeichen – oder ist es nur ein Traum. Ich wache aus dem Halbschlaf auf. Kurzer Check, zum Lichtschalter, autsch, der Tisch steht immer noch da, egal, weiter, Rollladen, alles funktioniert.
Sie haben also Wort gehalten und der Alptraum ist vorbei. Für uns. Für 30.000 Haushalte, die noch immer keinen Strom haben, geht er allerdings noch weiter. Inzwischen ist von Evakuierungen die Rede, Alters- und Pflegeheime. Und es wird von einem Terroranschlag gesprochen. Doch bevor wir darüber nachdenken können… es gibt genug zu tun.
Heizungscheck, die Kommandozentrale wird zurückgebaut, Lampen, Batterien werden zurückgegeben, das WLAN-Asyl wird abgesagt. Zwischendurch sehe ich ein Video auf LinkedIn, wo mein früherer Kollege Olaf Weidner, heute Pressesprecher bei Stromnetz Berlin, auf gewohnt sympathische und informative Art die aktuelle Lage erklärt. Schnell ist der Sonntag vorüber, wir gehen matt, aber gleichzeitig beunruhigt schlafen. Für die vielen Helfer, Installateure, Handwerker, Feuerwehrleute und Polizisten, die seit 24 Stunden in der Kälte ihren Job machen, ist der Sonntag längst nicht so komfortabel abgelaufen wie für uns.
Montag, ich bin im Homeoffice, zwischen meinen Teams-Runden läuft im TV ein längeres Interview mit dem Regierenden Bürgermeister. Ich schnappe Satzfetzen auf wie „habe mich den ganzen Samstag zuhause eingeschlossen und gearbeitet“, „wir müssen jetzt…“ und „prüfe, ob die Bundeswehr helfen kann“ auf. Mir fallen die Berichte über Helmut Schmidt ein, wie er 1962 als Hamburger Innensenator die Bundeswehr einfach angefordert hat. Andere Zeiten. Und die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf bedankt sich bei den vielen Freiwilligen für die bisherige Unterstützung. Geht das nicht eigentlich andersrum?
Stromnetz Berlin veröffentlicht mittlerweile nahezu stündlich, wieviele Haushalte inzwischen wieder angeschlossen wurden. Der Südwesten gleicht einer Kraterlandschaft, überall entstehen neue Baugruben, in denen provisorische Leitungen verlegt werden. Am Dienstag wird dann die „Großschadenslage“ ausgerufen. Auf die Frage, und dann höre ich hier mit Politik auf, auf die Frage, wie so ein Anschlag möglich war, antwortet unser Regierender mit dem Titel dieser Folge: „Aber da stand doch ein Zaun. Da muss sehr viel kriminelle Energie im Spiel gewesen sein.“. Ich befürchte, dass er mit einem zusätzlichen Schild „Betreten verboten“ ein für alle Mal Anschläge dieser Art verhindern will. Spiel, Satz und Sieg: Wegner.
Am Mittwoch kommt die überraschende Nachricht: „Heute vormittag um 11 Uhr werden alle Stromunterbrechungen behoben sein.“ Anderthalb Tage früher als geplant! Da ich eben versprochen habe, hier mit Politik aufzuhören, sage ich nichts dazu, dass die Senatskanzlei den Erfolg für sich reklamiert. „Schließlich sei das nur durch die Großschadenslage möglich gewesen“. Ich denke, wer sich in den letzten Tagen auf den Straßen umgeschaut hat, weiß, wem dieser Erfolg wirklich zuzuschreiben ist.
Im Laufe des Mittwochs sehe ich wieder ein Interview. Ein weiterer früherer Kollege, Henrik Beuster vom Stromnetz Berlin, erklärt wohl zum x-ten Male, wieso er überzeugt war, dass seine Leute das schneller schaffen als geplant. Und mein persönlicher Eindruck war, die Großschadenslage war nicht der Hauptgrund. Voller Stolz, das konnte man spüren, berichtete er von den Anstrengungen seiner Mannschaft und erklärte nebenbei auch noch für jedermann verständlich komplexe elektrische Zusammenhänge. Und als zumindest zeitweise Betroffener kann ich Euch, Olaf und Henrik, nur beipflichten: Ihr habt allen Grund, stolz zu sein.
Nachdem nun der größte Schreck überwunden ist, wird weiter fleißig repariert, vieles war schließlich nur provisorisch, um schnell die Versorgung wiederherzustellen. Und vielleicht wird ja bald schon über Ermittlungserfolge berichtet. Aufschlag Wegner.
Schlusswort
Schon im Corona-Tagebuch kam ich zu dem Ergebnis, dass alles auch eine gute Seite hat. Und das trifft hier auch zu. Klar, das war eine schlimme Sache. Für viele Menschen noch viel mehr als für meine Familie und mich. Es war ein terroristischer Anschlag, keine direkten Opfer, aber trotzdem Terror. Von gewaltbereiten Demokratiefeinden. Aber wir, die Betroffenen, haben zusammengehalten. Unsere kleine Nachbarschaft, die Teams, die montiert, gegraben, angeschlossen, geholfen haben. Die Firmen, die nicht betroffen waren, aber schnell und unbürokratisch Hilfe geschickt haben. Und dieser Zusammenhalt ist wie die Stromversorgung: schön, wenn man es hat, aber längst nicht mehr selbstverständlich.
