Mahlzeit !
Ich hatte für diese Folge eigentlich etwas ziemlich Gruseliges geplant. Nein, nicht den Live-Bericht von der Vereinigungstournee „80 Jahre – die Flippers“. Es gibt Dinge, die auch Satire nicht darf. Stattdessen wollte ich in angemessener Form über den diesjährigen ESC schreiben.
Nicht die Taste oben links auf Eurer Tastatur, die oft schon der letzte Rettungsanker vor dem Anruf beim IT-Support war. Die Rede ist vom Grand Prix d‘ Eurovision de la Chanson, der, weil GPdEdlC unhandlich ist und inzwischen alles irgendwie englisch klingen muss, nun Eurovision Song Contest heißt und zeitgemäß ESC abgekürzt werden kann.
Ich hatte das sogar schon aufgezeichnet, denn live am Samstagabend war mir dann bei aller Liebe doch zu heftig. Vier Stunden lang „Germany zero points“, „L‘Allemagne zéro point“, „Tyskland noll poäng“, mit österreichischem Akzent auch als Klingelton, dafür muss man mental bereit sein und bei einer Aufzeichnung kann ich die schlimmen Szenen vorspulen.
Doch schon bevor ich mir das ansehen konnte, sickerten erste Details durch. Was sich zunächst wie die Vermählung zweier nordischer Götter anhörte, stellte sich schnell als der deutsche Beitrag raus: Abor & Tynna mit „Baller“. Und über den Opernsänger aus der Alpenrepublik mag ich nicht viel sagen. Über seine Kunst kann man streiten, aber seine Meinung über das zukünftige Teilnehmerfeld beim ESC war für mich nicht „Wasted Love“, sondern „Wasted Time“.
Und daher habe ich beschlossen, keine Gruselepisode zu schreiben. Doch zuerst mal wieder der
Flache
Fahrzeugkontrolle, nachts um 3.
„Wohin fahren sie?“
„Zu einem Vortrag über Alkoholmissbrauch, das Rauchen und lange aufbleiben, die schädlichen Auswirkungen auf den Körper und Moralfragen der Moderne“
„Wer hält um diese Uhrzeit so einen Vortrag???“
„Meine Frau…“
Die Zeit der Brückentage ist durch, das war schon Thema der vorletzten Folge.
Und wie Ihr Eure Strandfigur hinbekommt, ist Euer Ding. Auch die jahreszeitüblichen Floskeln wie „viel zu heiß für diese Jahreszeit“, „könnte windiger sein“ und „Aprilwetter im Juni, was soll denn das“ werden wir heute nicht näher betrachten. Kommen wir also zu den Dingen, die sehr häufig zum Anfang des Sommers anstehen.
Bauen, pflanzen, renovieren
Am Samstag vor Pfingsten wollte ich zu einem Baumarkt in unserer Nähe, eine flache, schlichte Deckenlampe für das Arbeitszimmer kaufen. Im Online-Shop war schnell eine gefunden, mit Angabe der Verfügbarkeit in meinem Markt und in welchem Regal das gute Stück zu finden ist, konnte gar nichts schief gehen. Doch ich war unvorsichtig und sagte zu Hause: „Ich fahr‘ mal schnell zu OBI.“
Es kam, wie es kommen musste. Ich war schon fast im Auto, da hörte ich es hinter mir: „Bring mal noch Blumenerde und ein paar Pflanzen mit. Ich schicke Dir gleich die Bilder.“
Verdammt, es hätte ein kurzer Ausflug werden können. Rein, zum Regal, Lampe nehmen, einscannen, bezahlen, nach Hause. Ich wäre in 15 Minuten wieder zu Hause gewesen.
So aber kam alles anders. Beim Stichwort „Pflanzen“ war klar, dass auch meine Tochter mitkommt. Und so fuhr ich in dem Bewusstsein zu OBI, dass es wesentlich länger als geplant dauern würde.
Die Durchsage
Ich hatte die Lampe wie erwartet sofort gefunden und in dem ursprünglich gar nicht notwendigen Einkaufswagen verstaut, da hörten wir über den Marktlautsprecher:
„Frau Kasulske, bitte auf 3-4-4, Frau Kasulske bitte auf 3-4-4.“
Der unerfahrene Baumarkt-Kunde denkt sich nichts dabei, vielleicht noch „Oh, ein Anruf für Frau Kasulske“. Doch weit gefehlt. Das ist eine verschlüsselte Botschaft:
Die 3 steht für die Gefahr, die vom Kunden ausgeht, die beiden Ziffern danach für die Regalnummer.
1 ist ein verzweifelt suchender, mit Selbstmord drohender Kunde,
9 ein gemütlich umherschauender Kunde, von dem kaum Gefahr ausgeht.
3-4-4 heißt also: Achtung, aggressiv suchender Kunde, der sehr wahrscheinlich einen Verkäufer sucht im Bereich um Regal 44.
Frau Kasulske weiß nun, sie hat noch wenige Sekunden, den Gefahrenbereich am Regal 44 zu verlassen und sich zu verstecken. Sonst läuft sie Gefahr, dem Kunden in die Arme zu laufen und mit irgendeiner Frage behelligt zu werden.
Pro-Tipp
Deswegen der Pro-Tipp für Euch: wenn Ihr im Baumarkt Hilfe von einem Verkäufer benötigt. Geht zielstrebig zu irgendeinem Regal, nehmt ein Werkzeug in die Hand und versucht, fachkundig zu wirken. Schaut Euch keinesfalls suchend um. So erhaltet Ihr durch die Marktüberwachung ein unauffälliges Ranking und deren Frühwarnsystem greift ins Leere.
Beobachtet auch dem Augenwinkel das Geschehen um Euch herum und wenn zufällig ein Verkäufer in Sichtweite ist, schlagt zu. Also sinnbildlich. Lasst den Einkaufswagen und alles andere, wo es ist, und greift Euch den Verkäufer. Diese Gelegenheit bietet sich nur einmal, danach wird eine Kamera nur auf Euch gerichtet sein und Ihr könnt über die Durchsagen Euren Laufweg durch die Regale verfolgen.
Wir hatten diese Übung noch vor uns. Die Lampe ist schon eingesammelt, wo Blumenerde liegt, weiß ich. Aber die Pflanzen… ich schaue heimlich aufs Handy, denn auch das kann das Gefahrenranking erhöhen. Wandelröschen sollen es sein. Nie gehört. Verwandeln die sich nach dem Einpflanzen oder hauen die in einem unbeobachteten Moment ab? Ich weiß es nicht.
Ich sondiere also bereits die Lage, während wir durch den Außenbereich zur Blumenerde gehen. Hinter den Geranien glaube ich, einen orangefarbenen OBI-Overall gesehen zu haben. Wir packen die Blumenerde auf den Wagen und fahren auf dem Weg zur Kasse einen kleinen Umweg über den Stand mit den Geranien. Bingo! Arglos wässert ein Mitarbeiter die Pflanzen, es ist keine Durchsage zu hören. Wir sind noch unerkannt. Ich stelle den Wagen mit der Blumenerde quer und gehe auf den Mitarbeiter zu. Zurück kann er nicht, meine Tochter hat ihm den Rückweg versperrt.
„Entschuldigung, haben Sie Wandelröschen?“ Wir sind stolz, haben das System ausgetrickst.
„Nein, haben wir leider nicht mehr.“ Naja, wir haben dann Geranien gekauft.
Und nun schalten wir kurz zur
Werbung
Ich sitze auf dem Sofa, schreibe diese Kolumne, der Fernseher läuft. Plötzlich ein stechender Schmerz im Ohr. Ich denke „Wow, Hörsturz. So fühlt sich das also an.“ Dann sehe ich… Lidl-Werbung.
Ich weiß nicht, wie bei denen die Schauspieler und vor allem die Stimmen ausgesucht werden. Sitzt da jemand und denkt: „Ja, das passt. Die Stimme ist klasse, da schreckt jeder hoch, die könnte auch die Simpsons synchronisieren.“
Diese Stimme erzählt mir jetzt „Lidl lohnt sich“. Warum, kann ich nicht sagen, ich musste zu schnell abschalten.
In den Social-Media-Kanälen ist es genauso. Wer häufiger auf Instagram oder Tiktok unterwegs ist, bleibt zwangsläufig schon mal an Influencer-Videos hängen. Es beginnt immer mit „Hey Ihr Süßen, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was ich letzte Woche erlebt habe.“ Dann kommt ein vermeintlicher Einblick in das Allerprivateste. „Ich war auf Safari in Südafrika. Was man da alles sehen kann, der Wahnsinn“. Nun wird ein Bild aus irgendeinem Nationalpark dieser Welt hineingeschnitten. In Wirklichkeit steht unsere Influencerin vor ihrer Schrankwand im Jugendzimmer der elterlichen Wohnung.
Die Influencerin selbst kann Südafrika selten dem richtigen Kontinent zuordnen und besucht hat sie das Land sicher auch noch nie. „Apropos sehen… seht Euch mal meine neue Skinny-Jeans an! Die ist ja so praktisch hier in Südamer…, hier in Südafrika. Die könnt Ihr auch haben. Geht einfach auf www.sinnloser-scheiss.com und gebt den Gutschein-Code „IdiotenMachenMichReich“ ein, dann kriegt Ihr sogar noch 10% Rabatt. Das ist über ein Drittel. Und beim nächsten Mal machen wir eine Folge „Unboxing“, da zeige ich Euch, wie man ein T-Shirt auspackt. Bis dann, Ihr Schnuckis!“
Unboxing
Unboxing hat nichts damit zu tun, sein Gegenüber nicht mehr zu schlagen. Es ist das neue Wort für Videos, die zeigen, wie Verpackungen geöffnet werden. Oft in Kombination mit einer Gebrauchsanleitung für den soeben geöffneten Artikel. Das mag bei schwerem technischen Gerät noch sinnvoll sein. Quasi eine „Erste Schritte“-Anleitung als Video für die Installation des Farblaserdruckers. Wobei ich auch da zumindest den Drucker vollständig und unfallfrei auspacken könnte. Aber bei eher profanen Artikel wie z.B. einem Brotmesser benötigen wohl die Wenigsten weder einen Hinweis, wie die Verpackung vom Messer zu trennen ist, noch, dass dieses nicht zum Verlegen von Laminat geeignet ist.
Ein weiterer Punkt, der diese Videos, sagen wir, etwas überflüssig erscheinen lässt, ist die gespielte Überraschung beim Öffnen. „Hey, jetzt wollen wir doch mal sehen, was da drin ist. Oh wow, ein Brotmesser, das ist ja toll.“
Es mag andere Fälle geben, aber wenn ich etwas bestelle, dann sagt mir die Amazon-App auf fünf Minuten genau, wann ich welchen Artikel bekomme. Manchmal wird sogar der Vorname des Lieferanten angekündigt. „Steve hat noch drei Stopps und wird Dir zwischen 16:42 und 16:47 Dein bestelltes Brotmesser liefern“.
Wo genau ist da die Überraschung?
Toom
Aber man soll nicht immer alles nur schlechtreden. Es gibt auch positive Beispiele. Schwer zu finden, aber es gibt sie. Und was würde diesmal besser passen als Baumarkt-Werbung.
Martin Brambach (Tatort Dresden) spielt in dem heutigen „Toom“-Clip den Do-it-yourself-Influencer „DIYjochen67“.
Aber seht erstmal mal selbst: Toom – Unboxing
Die Ansprache lässt keine Wünsche offen („Hey Follower, was geht?“) und binnen weniger Sekunden wird ein unglaublicher Spannungsbogen aufgebaut. Zusammen mit DIYjochen67 dürfen wir dabei sein, wenn eine durchsichtige Packung Näg…, halt, das wissen ja noch gar nicht, also wenn ein durchsichtige Packung mit unbekanntem Inhalt geöffnet wird. Wer sich noch nie gewünscht hat, einmal zuschauen zu dürfen, wie eine Packung Näg…, eine Blisterpackung aus dem Baumarkt geöffnet wird, ist kein Hobby-Heimwerker.
Mit der Routine eines Profi-Handwerkers zeigt er uns und seinen vier Followern, wie man diese Packung öffnet. Und trotzdem war es wohl nicht zu verhindern, dass rund die Hälfte der Nägel dabei rausfallen. Genau deswegen sind Unboxing-Videos dann wohl doch notwendig. Wir alle können aus solchen Fehlern lernen. Wer aufmerksam zugeschaut hat, der weiß von nun an, wie man Nägel aus der Packung nimmt. Danke, DIYjochen67 !
Wir nähern uns dem Ende dieser Folge und deshalb folgt der
Abschlussflache
Bei mir steht immer der Mensch im Mittelpunkt.
Markus, 41, Scharfschütze
Schlusswort
So, genug für heute. Wir müssen jetzt die Geranien einpflanzen.
Und es klingelt, Steve steht an der Tür. Mal sehen, was er uns bringt.
Ich freue mich aufs Unboxing und werde dann mal ein Video drehen.
„Markus, 41, Scharfschütze“
Er wollte schon von klein auf immer was mit Menschen machen 🙂