Mahlzeit !
Das Leben besteht ja zum Glück nicht nur aus Arbeit. Die knappe Freizeit, die uns der Alltag lässt, wird oft mit Spielen verbracht. Bei Profi-Fußballern läuft Spielen und Arbeit zeitgleich, doch hier ist von uns die Rede. Wir, die abends auch mal am Handy sitzen oder den Spieleabend bei guten Bekannten verbringen.
Wer keine guten Bekannten hat, dem bleibt das Internet.
Online-Spiele
Sky-Kunden kennen wahrscheinlich die Werbung, die mindestens genauso schrecklich wie die Seitenbacher-Werbung ist: „Jetzt – auf warnertvspiele.de“, dazu ein Jingle, den man genauso schwer aus dem Ohr bekommt wie „Last Christmas“, dann ein paar Screenshots vom beworbenen Spiel, abgerundet durch „jetzt kostenlos spielen – auf warnertvspiele.de“.
Das Ganze achtmal hintereinander, unterbrochen nur durch andere Werbespots, häufig von warnertvspiele.de. Wenn ich das einmal durchgemacht habe, gehe ich sicher nicht mehr auf dieses Portal. Da nehme ich Baldrian oder Beruhigungstabletten. Und überlege, ob ich diesen Mist der Verbraucherzentrale melde. Oder Amnesty International.
Im Ernst, wer nach dieser Werbung noch den Nerv hat, warnertvspiele.de zu besuchen, also kostenlos auf warnertvspiele.de zu gehen bzw. jetzt warnertvspiele.de anzuklicken, der registriert sich dann auch da, verkauft seine Daten und ist bereit für
In-App-Käufe
Der In-App-Kauf ist das Win-Win-Geschäftsmodell schlechthin. Der App-Nutzer spart Zeit, wer hat schon Zeit zum Spielen, und der Programmierer verdient sich eine goldene Nase. Die App selbst ist ja kostenlos. Wir erinnern uns: „jetzt kostenlos spielen – auf warnertvspiele.de“
In „My little Farmies“ kann man zum Beispiel als Farmer des vorletzten Jahrhunderts entscheiden, ob man 30 Minuten wartet, bis der Ochse vor den Pflug gespannt werden kann oder für nur 2,99 € gleich mit dem Ochsen weiterspielt. So kann man nämlich supergünstig die Zeit wieder reinholen, die man bei der Werbung vergeudet hat. Irgendwann wird dann auch bei warnertvspiele.de der Traktor erfunden und man kann zum Großbauern werden.
Nach weiteren sieben In-App-Käufen oder wahlweise einem halben Tag Wartezeit später ist das gesamte Land versorgt. Um neue Gebiete zu erschließen, müsste man nun „Supremacy 1914“ aufrufen. Der 1. Weltkrieg. Original-Teaser: „Werde Oberhaupt einer mächtigen Nation zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Nur mit Strategie und Diplomatie kannst Du Europa erobern!“
Na dann. Waffen gibt es automatisch, die Munition nur, Ihr habt es sicher schon erraten, per In-App-Kauf. Irgendjemand müsste jetzt die App „In-App-Mania“ programmieren.
Die App, mit der man In-App-Käufe erspielen kann. Und wenn man nicht warten will, kann man In-App-Käufe kaufen. Per In-App-Kauf.
Zwischendurch schnell der
Flache
Wie lange habe ich noch, Herr Doktor? Sagen Sie mir die Wahrheit.
10
10 Jahre? 10 Monate?
9.. 8.. 7..
Er will nur spielen
Sonntagnachmittag, Udo joggt durch den Park.
Udo ist uns bereits bekannt aus der 2.Lesung (Das Familienfest). Er ist an Weihnachten immer der Gastgeber. In Gedanken geht er die Strecke durch, seine Uhr überwacht die Vitalwerte. Soweit alles prima. Dann plötzlich hält er inne und denkt: „Nanu, bin ich schon an der Trabrennbahn? So weit wollte ich heute doch gar nicht.“.
Doch auf den zweiten Blick erkennt er: das, was ihm da entgegenkommt, ist gar kein Rennpferd, das ist ‘ne Dogge. Und sie kommt auf ihn zu galoppiert. In einem Film würde man nun die raumgreifenden Schritte, eigentlich sind es Galoppsprünge, in Zeitlupe abspielen, der passende Ton dazu seltsam in die Länge gezogen. Die letzten fünf Meter, zwei beherzte Sprünge. Udo kann ihr, der Dogge, kurz direkt in die Augen sehen und erinnert sich an das Intro von Edgar Wallace „Die toten Augen von London“.
Ein letzter Sprung in seine Richtung, dann wird es dunkel. Einen Augenblick später liegt er am Boden. Einem sehr feuchten Boden, heute früh hatte es geregnet. Auf ihm die Dogge, die Vorderpfoten behutsam auf seinem Hals abgestützt. Während Udo kurz Orientierung sucht, unter ihm der Matsch des aufgeweichten Weges, über ihm der sabbernde Kopf des Hundes, beugt sich das Tier fast zärtlich über ihn und öffnet die Schnauze.
Unter Wasser
Was nun folgt, ist eine Mischung aus Zungenkuss, Wasserfall und feucht durchwischen. Während ihm die Bilder in den Kopf schießen, als er als kleines Kind im Planschbecken ausgerutscht ist und fast ertrunken wäre, kommt das Herrchen der Dogge mit entspanntem Spazierschritt in die Szene. „Keine Angst, der will nur spielen!“ hallt es durch den menschenleeren Park, während ihm die Dogge weiterhin ins Gesicht sabbert. Er würde gerne antworten, aber wer schon mal versucht hat, unter Wasser Luft zu holen, weiß, dass das im Moment nicht möglich ist.
Nach einer weiteren gefühlten Stunde, in Echtzeit waren es wohl dreißig Sekunden, ist Herrchen endlich am Ort des Geschehens angekommen und legt die Leine an. Oder war es ein Sattel? Egal, jedenfalls erhebt sich das tropfende Tier nun gemächlich von Udos Gesicht. Herrchen reicht ihm, sei es aus Schuldbewusstsein oder nur aus Mitleid, ein Tempo-Taschentuch. Dass hier eher ein großes Handtuch angemessener wäre, ist ihm entgangen.
„Süß, ne? Puschel, komm, du sollst doch keine fremden Leute anspringen. Naja, schönen Tag noch und – nichts für ungut“! Udo steht da, wie ein von einer Dogge begossener Pudel und noch bevor er antworten kann, entschwindet der immer noch tropfende Puschel mit seinem Herrchen an der nächsten Wegkreuzung.
Womit wir bei einer neuen Ausgabe vom
Sprachpanscher
wären.
„Nichts für ungut“ !
„Nichts für ungut“ stammt wohl aus älteren höflichen Sprachformen und lautete ursprünglich „Nehmen Sie es nicht für ungut“.
Das muss sich dann in etwa so abgespielt haben:
Ritter: „O holdes Fräulein, im nahen Schloss werden am kommenden Sonntag Ritterspiele abgehalten.
Ich werde im 3. Rennen für Euch kämpfen. Würdet Ihr mir die unermessliche Ehre erweisen, mich zu begleiten?“
Fräulein: „Ach, edler Ritter, ich weiß nicht recht, ich muss noch die Hängebrücke ölen. Unser wackerer Hofschmied ist auf Reisen.“
Ritter: „Edles Fräulein, diese Aufgabe kann ich wohl für Euch übernehmen. Es wird sicher ein gar lustiges und prächtiges Fest. Falls ich meinen Kampf gewinne. Ansonsten wäre ich Euch unermesslich dankbar, den Heilkundigen herbeizurufen.“
Fräulein: „Mein Herr in der glänzenden Rüstung, doch diese Freude kann ich Euch nicht bereiten. Nehmen Sie es nicht für ungut.“
Oder war es vielleicht ganz anders?
Freitag nachmittag, Kfz-Werkstatt.
Meister:
So Jungs, es ist bald Wochenende, Ihr müsst noch die Werkstatt aufräumen.
Kevin, Du sortierst das Werkzeug.
Sören, Du machst das Öl weg,
Piotr, die alten Reifen kommen nach draußen auf den Stapel und
Ungut, Du …, nee, hast Glück, alles schon verteilt. Heute ist nichts für Ungut.
Schönes Wochenende.
Der Spieleabend mit Verwandten
Irgendwann musste es mich erwischen. Ich gehe mal schnell ans Telefon, bin in Gedanken noch bei der Bewältigung der warnertvspiele.de-Werbung, schaue nicht auf das Display und schon geht es los. „Hallo, hier ist Tante Inge. Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesprochen.“ Auch Inge kennt Ihr schon aus der Folge „Das Familienfest“.
Stimmt, denke ich, erst vor zwei Wochen. Und wenn ich neulich nicht aufgepasst und eben doch aufs Display geschaut hätte, auch letzte Woche.
„Horst meinte auch gerade, ruf‘ doch mal bei Micha an. Wir haben uns ja ewig nicht gesprochen.“ Stimmt, denke ich, erst vor zwei Wochen, aber halt, das hatten wir gerade.
„Sag mal, wie wär’s, wenn Ihr mal wieder vorbeikommt auf einen Spieleabend?“
Ich überlege mir Ausreden. Da es sich bei Inge um Verwandtschaft handelt, scheiden plötzliche Todesfälle aus. Das ist nachprüfbar, da fliege ich auf. Arbeit! Arbeit ist immer gut. Aber was, wenn sie Samstag abend vorschlägt? Ich denke nach.
„Wie wär’s Samstag abend?“. Verdammt. „Ich, äh, am Samstag wollten wir, äh, also …“
„Prima, dann um sieben bei uns. Wir freuen uns. Bis dann.“
Samstag abend, kurz vor 7. Ich könnte jetzt so viele andere spannende Dinge tun. Die Fliesen im Badezimmer zählen, die Aufzeichnung der „schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ von 1998 ansehen, Smarties nach Farbe sortieren.
Aber nun sind wir hier. Bei Inge. Nach einer Stunde schaue ich auf die Uhr. 5 nach 7.
Spiel des Lebens
Das Spiel wird aufgebaut, ich erhalte Startkapital und ein Auto. Da habe ich damals, als ich 18 wurde, wohl was falsch gemacht. Egal. Später kriegt man Kinder, muss sich für einen Weg entscheiden, bekommt einen Beruf. Alles wie im richtigen Leben. Aber wann habe ich in meinem Leben mal ein Glücksrad gedreht, was mir dann sagte, wieviel Schritte ich gehen darf?
Die bunten Farben des drehenden Rades versetzen mich in eine Art Wachkoma und die aufgemalten Wege auf dem Spielbrett verschwimmen vor meinen Augen zu einem Labyrinth. Ich verfolge die Wege, lande aber immer wieder bei „Start“. Wieder und wieder würfele ich und ziehe mein Plastikauto apathisch über das Spielbrett. Dabei bemerke ich neben den beiden Stäbchen, die meine Frau und mich darstellen sollen und im Dach stecken, das rosafarbene Stäbchen und denke: „wie im richtigen Leben“. Ich sehe die fünf freien Plätze daneben und werde unruhig.
„Los, Micha, Du bist dran“. Ich schrecke auf.
„Oh, ich bin über Los gekommen. Macht 4.000 €.“
„Falsches Spiel, Micha!“
„Upps.“
Dennoch türmen sich vor mir Berge von Spielgeld auf. Noch zwei, drei Züge, dann bin ich im Ruhestand und muss nicht mehr ziehen, kann abwarten, das Ende ist absehbar. Gibt es hier auch Vorruhestand?
Geschafft. Ich bin im Ziel und kann mich zurücklehnen. Kaum eine halbe Stunde später sind alle durch. Irgendeiner hat gewonnen. Ich gratuliere wie in Trance.
„Hach, das war mal wieder spannend. Das müssen wir bald mal wiederholen.“
Nein Inge, müssen wir nicht. Samstags werde ich nicht mehr können. Warum, weiß ich noch nicht, aber samstags geht ganz sicher nicht mehr. Und sonntags ist es auch ganz schlecht. Und den Rest der Woche arbeite ich.
Auf der Rückfahrt fragt mich meine Frau, warum ich mir selbst gratuliert habe.
Vom Brettspiel nun zum Fußballspiel, der
Abschlussflache
„Jedes Mal, wenn Schalke Meister wird, kaufe ich mir ein neues Auto“
Helmut, 67, fährt immer noch eine Kutsche.
Schlusswort
Nach so vielen Spielen muss ich jetzt mal wieder etwas arbeiten. Im richtigen Leben dauert der Ruhestand wohl noch etwas. Das Telefon klingelt. Sicherheitshalber schaue ich auf das Display. Eine Nummer, die mir nichts sagt. Ich gehe ran. „Guten Tag, wir machen ein Umfrage. Kennen Sie warnertvspiele.de?“