Extra-Blaß 03/2025 – Schnee oder kein Schnee, das ist hier die Frage

Mahlzeit !
Was zunächst klingt wie die ratlose Frage eines Drogenhändlers, ist die Überschrift unserer heutigen Folge. Es geht, Ihr werdet überrascht sein, … um Schnee.   

Und wie immer, diesmal passend zum Thema, zum Start der 

Flache

Im Winter kommt ein Mann in ein Bekleidungsgeschäft. 
„Ich bräuchte bitte ein paar Unterhosen.“
Verkäuferin: „Lange?“
Mann: „Ich wollte sie kaufen, nicht mieten!“

Am Schnee scheiden sich die Geister

Und nicht nur die Geister, auch unsere Gesellschaft, denn die ist gespalten, das wissen wir. 
Tempolimit, Ananas auf Pizza, Dschungelcamp, entweder ist man dafür oder dagegen. Keine Grauzonen, keine Kompromisse. So auch beim Umgang mit Schnee.
Die einen heulen jedes Jahr rum, wenn Weihnachten nicht mindestens 20 cm Schnee liegt, die anderen fluchen, wenn man mit den matschigen Schuhen das frisch geputzte Wohnzimmer betritt.

Die einen haben schon seit September Winterreifen drauf und fahren wie auf Schienen, die anderen eiern selbst bei 10 cm Schneedecke oder Blitzeis noch mit Sommerslicks rum und driften quer über die Zebrastreifen. 

Beim Thema Autofahren gibt es aber noch eine dritte Gruppe. Man erkennt sie ganz leicht. 
Es fallen die ersten Flocken, keine einzige bleibt liegen. Die fallen einfach runter, tauen, sind nass. Mehr nicht. Aber irgendeine Wetter-App hatte Schneefall angesagt. Und das ist für unsere dritte Gruppe dann das Startzeichen.

Denn diese Leute, nennen wir sie liebevoll „extrem vorsichtig“, denken sich:
drei Schneeflocken bedeuten automatisch: acht Meter Schnee, Sicht unter 30 cm, Blitzeis, Lebensgefahr, das öffentliche Leben ruht und nur noch Schneepflüge, Rettungsfahrzeuge und Lawinenhunde sind unterwegs. 

Und das bedeutet dann: Schrittgeschwindigkeit, Fuß vom Gas und wenn in 500 Metern Entfernung irgendein Schatten zu sehen ist, wird schon mal die Bremsung eingeleitet.

Das machen die bis zum Frühling, wenn die gleiche Wetter-App Entwarnung gibt und Pollenflug vorhersagt. Oder bis wirklich einmal richtig Schnee fällt. Dann lassen sie das Auto stehen.

Schneeflug

Jetzt dachtet Ihr, Ihr habt mich, oder? Macht hier einen auf Sprachpolizei und hat schon in der Überschrift einen Rechtschreibfehler. Die Rede in dieser wahren Geschichte ist aber nicht von dem Ding, was Schnee wegräumt, sondern von einer Reise mit einem Flugzeug bei Schnee, also einem Schneeflug. Das Flugzeug räumt zwar beim Start auch etwas Schnee weg, aber das führt hier zu weit. Der Schneeflug…

Vor einigen Jahren musste ich häufiger dienstlich in die Firmenzentrale nach Stockholm. So auch einmal im Winter. In Berlin war es um null Grad, in Stockholm wie immer 10 Grad kälter. Während bei uns alles zum Erliegen kam (siehe oben), begann man in Skandinavien, sich Strickjacken überzuziehen. Nach einem Zweitages-Trip wollte ich dann zurückfliegen. Und gerade, als ich in Arlanda, wir Vielflieger reden von Arlanda, nicht von Stockholm, als ich also in Arlanda einchecken wollte, machte die große Anzeigetafel hinter mir Geräusche, klack, klack, klack, bing. Während da eben noch neben Berlin TXL „check-in Gate irgendwas“ stand, wechselte die mechanische Anzeige auf „cancelled“. Wat nu? Und warum?

Ursprünglich sollte 17 Uhr Abflug sein, knapp anderthalb Stunden Flug, Taxi nach Hause, um 19 Uhr wäre ich zu Hause. Dachte ich. Und das hätte perfekt gepasst, da sich für den nächsten Morgen Handwerker angekündigt hatten. Wenn da nicht plötzlich „cancelled“ gestanden hätte. Der Wetterbericht meldete Schneefall für Berlin, in Stockholm ebenfalls, davon konnte ich mich ja persönlich überzeugen. Nun flog aber alles mögliche ab Stockholm los, außer eben diese eine Maschine nach Berlin. Der Schnee in Schweden konnte also nicht der Grund sein. Irgendwas war in Berlin. 

Am Flughafen der deutschen Hauptstadt waren es nicht Personen auf der Rollbahn, Böschungsbrände oder ein Polizeieinsatz. Das hat die S-Bahn schon für sich gebucht. Es war schlicht nicht genügend Enteisungsmittel vorhanden und damit konnte in Berlin niemand mehr starten. 

Wie muss man sich das vorstellen? Guckt da morgens einer aus dem Tower, denkt sich: „Hui, es schneit, da werde ich mal das Fass mit dem Enteisungszeug rausrollen“? 
Und irgendwann nachmittags, wenn die Sprühpistolen nur noch ein laues „Pfff“ von sich geben, geht der gleiche Mitarbeiter nach hinten, schaut im Lager nach und ruft dann quer übers Rollfeld: „Ist alle, muss erst neues bestellen. Mit Prime kommt’s morgen mittag“. 

Es flog nichts mehr. Und da es zum einen nicht genug Airbus-Parkplätze in Tegel gibt, zum anderen die Fluggesellschaften ihre Crews nicht ins Nirwana schicken, beschloss man bei SAS kurzerhand, Berlin nicht mehr anzufliegen. 

Ich habe dann umgebucht, es wurde für mich eine kleine Europa-Rundreise zusammengestellt. Stockholm – Oslo – Hamburg. Von da Mietwagen nach Berlin. Dank der Dame am SAS-Schalter und einem Hamburger Kollegen, der mir ebenda ein Auto buchte, konnte ich nach nur zweimal Umsteigen, einigen Stunden Wartezeit und einer dreistündigen, nächtlichen Autobahnfahrt schon morgens um 4 zu Hause sein. Der Handwerker, der Punkt 7 bei uns auf der Matte stand, wunderte sich, weil ich wohl etwas übernächtig ausgesehen habe und meinte dann: „Ganz schön kalt. Ich musste eine Viertelstunde lang den Wagen enteisen. Aber in Schweden soll es ja noch viel schlimmer sein.“

O Tannenbaum oder White Christmas?

Ernst Anschütz: Musikalisches Schulgesangbuch. Heft 1. Reclam, Leipzig 1824, S. 134
Decca – Correodelag, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63829925

Ja, was denn nun? Grüne oder weiße Weihnachten?

Die Mehrheit der Lieder, die sich mit dieser elementaren Frage beschäftigen, ist eindeutig auf der weißen Seite. Erst, wenn man lange sucht, findet man auf der pro-grünen Seite neben „O Tannenbaum“ noch „Christmas in L.A.“ von The Killers und „Kleiner, grüner Kranz“ von Rolf Zuckowski. Dann wird’s aber auch schon eng. 

Zumal es bei den Killers unter anderem um „Another Christmas in LA, another pitcher of Sangria“ geht, die haben offenbar eine grundsätzlich andere Vorstellung von Weihnachten.
Und unser allseits bekanntes „O Tannenbaum“ hat zwar eine bewegende, 200 Jahre alte Geschichte hinter sich, es wurden aber Generationen von Kindern traumatisiert, die das singen oder aufsagen mussten, um ihre Geschenke zu bekommen. 

In der weißen Ecke tummeln sich dagegen zahlreiche Klassiker wie „White christmas“ (Bing Crosby), „Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!“ (Dean Martin), „Winter Wonderland“ (Frank Sinatra) und in deutsch „Schneeflöckchen, Weißröckchen“. Wer unbedingt will, kann noch „Schnee, Schnee, Schnee“ von Karel Gott dazunehmen.

In der Musik sind die Vorlieben also ganz klar weiß.

Geografisch liegen die Verhältnisse anders.
Um Weihnachten sicher in weiß feiern zu können, muss man schon nach Skandinavien, Kanada oder in die Berge. 

(c) Michael Blaß

Ein breiter Streifen um den Äquator, die Wüste, alles rund ums Mittelmeer und auch Australien garantieren dagegen ein matschfreies, grünes Fest. Und wie schon die Killers so treffend sangen, kann man sich auch in L.A. zum Fest einen weihnachtlichen Eimer Sangria in Boxershorts geben.

In unseren Breitengraden muss man es nehmen, wie es kommt. Mal weiß, mal grün.
Wenn es grün-weiß gibt, ist man in Wolfsburg. Dann doch lieber weißen Matsch in Berlin.

Außerdem stehen die meisten Weihnachtsbäume sowieso drinnen. Also, die geschmückten. Die anderen stehen immer noch im Wald und warten auf die Kettensäge. Aber die mit den Kugeln und dem Lametta, die stehen drinnen. Und wenn die erstmal weiß sind, ist irgendwas mit dem Dach. Auch nicht schön. 

Auch im

Sprachpanscher 

dreht es sich heute um Schnee.

Ich sitze mal wieder morgens in der S-Bahn auf dem Weg ins Büro.
Wie schon oft nehme ich passiv am Leben eines meiner Sitznachbarn teil. Diesmal, in dem ich einem Handygespräch beiwohne.
Da nur die eine Hälfte des Gespräches für mich klar zu verstehen ist, muss ich den Rest kreativ und mit Schlussfolgerungen ergänzen, um im Thema zu bleiben.

Es scheint sich um einen Beziehungsstreit zu handeln. Ob der Lautsprecher neben mir in einer Ehe, in einer Beziehung oder nur in einer losen Freundschaft steckt, ist in der Kürze der Zeit und mit den wenigen, bruchstückhaften Informationen nicht zu ermitteln. Mein indirekter Bekannter, ich bin schließlich für einen Moment lang Teil seines Lebens, zumindest aber ist er gerade Teil meines, dieser Bekannte, nennen wir ihn der Einfachheit halber Jürgen, fühlt sich eindeutig ungerecht behandelt und ist von Anfang an in Abwehrhaltung. 

„Das war doch so überhaupt nicht gemeint“, „das hast Du völlig falsch verstanden“, „sowas mache ich nicht“ und „Du kennst mich doch“ sind dafür eindeutige Belege. Mit der Zeit, wir haben gerade den zweiten gemeinsamen Bahnhof hinter uns gebracht, wechselt Jürgen dann in den Offensivmodus. Offenbar wurden ihm die Vorwürfe zu viel. „Darf ich Dich erinnern, dass … <bing, nächste Station Priesterweg>“. 

Verdammt, das wäre jetzt wichtig gewesen. Denn das, was eigentlich seiner Verteidigung dienen soll, muss klassisch ausgekontert worden sein. 
Denn Jürgens nächste Antwort ist nur noch: „Ach komm, das ist doch Schnee von gestern“

Ich stehe auf, bedanke mich bei Jürgen, der nun noch verunsicherter ist und steige eine weitere Station später aus. Denn in diesem Moment ist klar, dass Jürgen zum Urheber des Sprachpanschers dieser Episode wurde.

Schnee von gestern

Warum ist Schnee von gestern nicht erwähnenswert, warum vernachlässigbar, warum schlechter als der von heute? So war Jürgens letzter Satz doch gemeint. 

Er, der Schnee, nicht der Jürgen, ist genauso kalt, oft sogar viel geeigneter, um Schneemänner zu bauen, man rutscht genauso schnell drauf aus und häufig sind die Unterschiede zu frischem Schnee nicht mal zu erkennen. Schließlich ähneln sich beide Varianten meist auch in der Farbe. 

Am Sonntag beim Bäcker, wenn dort der Ofen ausgefallen ist und deshalb die aufgebackenen Brötchen vom Samstag verkauft werden müssen, dann sind die von gestern schlechter. Bröselig, harte Kruste, trocken, eben von gestern.

Oder die Tasse Kaffee, die gestern noch dampfend auf dem Esstisch stand, voller Koffein, Wärme und Geschmack. Die schmeckt heute anders, schlechter, auf jeden Fall kälter. 

Auch der Witz, der mir bereits gestern erzählt wurde, ist heute schon abgenutzt.

Also warum erwidert Jürgen nicht „ach komm, das sind doch Brötchen von gestern“ oder „wieso kommst Du mir mit diesem Kaffee von gestern“? 

Falls Du das liest, lieber unbekannter Jürgen, vielen Dank für die Inspiration zu dieser Geschichte, auch wenn Du an Deiner Argumentation und Deiner Rhetorik noch arbeiten solltest. Sonst ist Deine Beziehung bald von gestern. 

Der finale Flache

(c) https://www.reddit.com/r/Falschparker/comments/186z889/frohes_falschparken_hohoho/?rdt=35851

Schlusswort

Wenn Euch das zu viel Schnee war, schaut Euch doch mal die letzte Ausgabe an, da ging es um wetterunabhängiges Fernsehen. Ich werde in der nächsten Woche wieder zur gleichen Zeit mit der S-Bahn fahren und schauen, ob ich nochmal Jürgen treffe. Dann frage ich ihn, wie seine Unterhaltung ausging. Und je nachdem, was und wie er antwortet, gibt es beim nächsten Mal einen neuen Sprachpanscher.
Ach ja, es ist nochmal reichlich Schnee vorhergesagt worden. Falls Ihr Auto fahren müsst, nehmt sicherheitshalber Enteisungsspray mit.

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