Extra-Blaß 46

Ein kleiner Hund freudig spielend auf einer liegenden Person

Mahlzeit !

Ich habe heute den Bundespräsidenten gebeten, mich aus dem Amt des Intranet-Kolumnisten zu entlassen. Die 50. Folge wäre erst im April 2025 erschienen. Zu spät angesichts der vielen anderen Publikationen im Intranet. Meine staats- und unternehmenspolitische Verantwortung hat mich dazu bewogen, sofort den Weg für Neues freizumachen.

Nach 46 Amtszeiten ist nun im Intranet Schluss. Aber nur im Intranet! Ihr habt mir bisher knapp 6.400 Stimmen gegeben, habt insgesamt über 52.000-mal meine Kolumne angesehen und deshalb mache ich natürlich weiter, aber ab Januar eben aus der Opposition.

Was soll das jetzt alles? Nein, ich fange jetzt nicht mit Politik an, das hat hier nichts zu suchen. Außerdem: 

Scholz entlässt Lindner, das Volk wird Scholz entlassen, die SPD Brandenburg würde Raketen liefern, die SPD Thüringen nicht. Oder andersrum, keine Ahnung. Wie soll ich das toppen?

Wenn Ihr Politikwitze haben wollt, schaut einfach die Tagesschau.

Ganz im Ernst: diese Ausgabe ist die letzte, die auch im Intranet gezeigt wird. Aber…

ab sofort wird nur noch hier auf https://www.extra-blass.de geschrieben. Hier werden nun alle neuen Folgen und Lesungen für Euch abrufbar sein. Ihr habt auch die Möglichkeit, unter jedem Beitrag Euren „Daumen hoch“ zu hinterlassen.

Hier gibt es auch eine Newsletter-Funktion, dann bekommt Ihr automatisch Benachrichtigungen über neue Folgen. Und auf Youtube plane ich später auch etwas. Ihr werdet sehen.

Kommen wir nun endlich zu den neuen Geschichten. Die beiden, die die heutige Folge ausfüllen, werde ich auch auf der 2.Lesung vortragen. Aber das Drumherum ist neu.


So auch der 

Eröffnungsflachwitz:

Warum summen Bienen?
Weil sie den Text nicht können.


Die erste Geschichte beschreibt die Zeit vor dem Fest und heißt daher

Nur noch zwei Monate

Das güldene Laub ist längst vom Himmel gefallen und braun geworden. Die Tage werden kürzer, der Abend macht die letzten Lichter aus, es ist frostig. 
Ein neuer Tag erwacht und Rauhreif glitzert am Wegesrand. 
Der gefrorene Atem zeigt mir und anderen den Weg zum Bahnhof, von wo aus wir zu unseren Zielen gelangen werden. 
Weiße Pracht bedeckt die Wege, bald beginnen die besinnlichen Tage. 

Ups, das war die falsche Datei. Das war für meinen Theodor Storm-Fan-Podcast.
Hier, das müsste das Skript für unsere Lesung sein. Also nochmal:

Matschiges Laub liegt auf der Straße, die Bremswege werden länger.
Morgens ist es bitterkalt, am frühen Nachmittag wird es schon wieder dunkel.
Radwege sind unbefahrbar, Fußgänger rutschen aus und fallen hin.
Es hat geschneit, Spurmarkierungen sind kaum noch erkennbar. Ich kann meinen Atem sehen und muss an Grippe-Viren denken. 
Längst ist auf Winterzeit umgestellt, der Weihnachts-Stress naht.

Zeit für Winterreifen

Die Winterreifen

Es heißt: von O bis O. Winterreifen soll man von Oktober bis Ostern fahren. Außer, man fährt Bahn.
Dann nicht. Aber wenn Auto, dann O bis O. Oder W bis W.
Das wäre eine Eselsbrücke für die, denen Oktober und Ostern zu kompliziert ist. 

Im Herbst, wenn man gemütlich im Auto nach Hause fährt, dabei Radio hört, an nichts Böses denkt und es einen dann schlagartig erwischt. Es fühlt sich an, als wäre ein Lastwagen aufgefahren, man nimmt den Fuß vom Gas, sucht Orientierung und hört… 

Wham! Last Christmas. 

Dann! Genau dann nämlich ist es Zeit, einen Werkstatt-Termin für den Reifenwechsel zu machen oder, wenn man selbst einlagert, in den Keller zu gehen und die angestaubten Grobstolligen hochzuholen. Das erste W wie Wham. Die ersten Dominosteine im Supermarkt wären übrigens auch ein guter Zeitpunkt, aber das passt weder zu O noch zu W.

Und wieso eigentlich Eselsbrücke? Esel sind wasserscheu und zu doof, an Pfützen die Wassertiefe zu erkennen. Da bleiben sie lieber stehen. Weil sie aber irgendwas erledigen sollen, hat man ihnen kleine Brücken gebaut, da gehen sie dann drüber, das spart Zeit.

Was das nun mit einer Gedankenstütze zu tun hat, weiß ich nicht. Es ist ja nicht so, dass ich kein O oder kein W erkenne und deshalb nicht mehr buchstabiere. Und die spielen im Radio auch nicht extra für mich Wham, weil ich mir den Oktober nicht merken kann. 

„Nächster Bahnhof Südkreuz, Ausstieg links“, DAS ist eine Eselsbrücke. Für Leute, die zu blöd sind, Gleise vom Bahnsteig zu unterscheiden. Und bevor die ‘ne Station weiterfahren, weil sie nicht wissen, wo sie aussteigen sollen, sagt man ihnen lieber, auf welcher Seite sie gefahrlos raus können. Also was soll der Quatsch?

Aber zurück zum W, eins fehlt ja noch.

Wenn welke Weihnachtsbäume weggeworfen werden… also ungefähr an Ostern, ist es wieder Zeit für die Sommerpneus. Ja, kommt, Ihr habt doch auch diesen Nachbarn, der sämtliche Abholtermine der Stadtreinigung verstreichen lässt und meint, solange noch zwei Nadeln am Baum hängen und der sich vor Trockenheit noch nicht selbst entzündet hat, geht das noch.

Das war das zweite W, welke Weihnachtsbäume.
Also merken: Winterreifen von W bis W – Wham bis Weihnachtsbäume wegwerfen.

Die Mobilität ist also in trockenen Tüchern. Aber für ein friedvolles Weihnachtsfest sind ja längst noch nicht alle Hürden genommen. Im Gegenteil. Das alljährliche Martyrium beginnt ja erst richtig, wenn das Gefährt längst winterfest gemacht wurde. Weihnachtsfeiern, Geschenke besorgen, Weihnachtspost schreiben, die Balkon- oder Terrassenpflanzen winterfest machen, das macht sich nicht von alleine.

Weihnachtsfeiern

Habt Ihr schon alle Termine für Eure Weihnachtsfeiern? Nichts vergessen? Das Schrottwichteln im Kindergarten, die Theater-Aufführung in der Schule, das gemütliche Beisammensein mit Kollegen und natürlich auch im Fußballverein (hier wahlweise Handballverein, Kaninchenzüchterverein oder Fliesentisch-Fangruppe einsetzen), das alljährliche Glühweintrinken mit den Nachbarn im Innenhof. 

Je nach gesellschaftlicher Aktivität muss man da auch schon mal zwei Feiern an einem Abend absolvieren. Da kommst Du dann von der Vereinsfeier und schlägst, vorgeglüht auf anderthalb Promille, beim Verband der Energiewirtschaft auf. 

Und bist da trotzdem noch einer der Nüchternen.

Kann sich in der Winterpause das Herz etwas von den Hertha-Spielen erholen, steht nun für viele ein Marathonlauf für die Leber an. Und da ist Silvester noch nicht mal eingerechnet.

Weihnachtspost und Geschenke

Wem muss ich schreiben? Und was?

Wen will oder muss ich dieses Jahr beschenken? Und was soll ich schenken? Und woher soll ich das bekommen? Und erzählt mir nicht, Ihr habt schon alles beisammen? 
Woher soll ich wissen, worüber Tante Uschi sich freut? Zu der habe ich einmal im Jahr Kontakt. Der engere Familienkreis, Ehepartner, Kinder, Eltern, Geschwister, das ist ja alles noch recht einfach. Meistens, hängt vom Familienkreis ab.

Aber je weiter man sich vom Zentrum des Familien-Stammbaums entfernt, desto schwieriger wird es. Erst recht außerhalb der eigenen Blutslinie. Die Frau von Onkel Horst, der uns leider schon vor einigen Jahren verlassen hat, ist ja noch weiter weg als Tante Uschi. Wie hieß sie noch gleich? Ich kann doch auf die festliche Karte nicht „Liebe Frau von Onkel Horst“ oder „Hallo Frau Kasulke“ schreiben. 

Die Länge des Grußtextes verhält sich dann umgekehrt proportional zur familiären Nähe… 
je dichter, desto länger. Der Lieblingsschwager wird noch mit „Mein lieber Udo, wir alle wünschen Dir und Deinen Liebsten ein wunderschönes, friedvolles Weihnachtsfest und einen feucht-fröhlichen guten Rutsch ins Neue Jahr. Weihnachtliche Grüße sendet Dir Kai-Uwe“ bedacht. Die Frau von Onkel Horst, deren Vornamen wir nicht kennen, erhält „Liebe Tante, frohes Fest. Kai-Uwe“.
Jetzt noch alles zum nächsten Briefkasten bringen und wir können uns den Geschenken widmen.

Gutscheine gehen zwar immer, sind allerdings irgendwie unpersönlich. Das ist nur was für die allergrößten Notfälle. Apropos Notfälle: man sollte IMMER zwei, drei Notfallgeschenke zu Hause haben. Das kann ‘ne Schachtel Pralinen sein, z.B. eine, die man selbst geschenkt bekommen hat oder eben ein Amazon-Gutschein, das ist ja heutzutage fast wie Bargeld. 

Der Nachbar, der einem unangekündigt einen Teller Selbstgebackenes vorbeibringt oder der Paketbote, der noch am Morgen des Heiligabend fleißig zustellt, da will man doch nicht mit leeren Händen dastehen. Sollte man bei Paketboten ohnehin nicht.

Die machen das ganze Jahr über ihren Job für einen Hungerlohn und haben sich mindestens an Weihnachten mal etwas mehr als nur ein „Danke“ verdient. 
Also, kein Notfall, die gehören auch auf die Liste.

Und früher oder später, meistens später, hat man dann für jeden auf dieser Liste irgendeine Idee. Und noch später ist dann alles gebastelt, besorgt oder bestellt.

Beim Einkauf gibt es zwei Lager. Oder Läger? Lagi? Logen? Zwei Kategorien. 

Die Onliner und die Jäger. 

Der Onliner hat einen Amazon Prime-Account und bereits im März die Kosten dafür mit den gesparten Versandkosten eingespielt. Er sitzt bis nachts am Rechner, vergleicht die Bestseller und Tipps, macht für jeden Artikel, den er interessant findet, ein neues Browserfenster auf, liest Bewertungen und achtet auf Lieferzeiten. 

Die sind ja im Rennen um die Weihnachtsgeschenke nicht ganz unwichtig. Denn oft kann man die Hälfte der Fenster gleich wieder schließen, weil das Zeug dann doch erst nach Weihnachten geliefert wird.

Zurück zum Onliner: Mit dem Paketboten ist er längst per Du, schließlich sieht er ihn ungefähr so oft wie die eigene Familie. Und wenn die Mail von Amazon kommt, in der die ihm anbieten, eine Lieferbox vorm Haus zu installieren und DHL, Amazon und Co. Parkplätze in seiner Straße mieten, weiß er, er hat es übertrieben. 

Der Jäger dagegen hat keine Furcht vor Gedränge und mag Menschenansammlungen. Er fährt am Adventswochenende in die Einkaufspassagen, sucht sich die letzte kleine Lücke im obersten Parkdeck und taucht dann grinsend in die menschliche Traube am Krabbeltisch ein. Seine Lieblingssätze sind „Darf ich da mal bitte durch“ und „Danke, ich schaue erstmal nur“. 

Was beim Auto-Scooter der Vollgummiring, sind beim Jäger Tüten und Taschen. Damit verschafft er sich in den engen Gängen bei den Übergangsjacken den nötigen Platz und an der Kasse Respekt.

Am Ende steht bei beiden, Onlinern und Jägern, der große Haufen mit Geschenken und eine vollständig abgearbeitete Liste. Außer…

Der Notfall

Falls mal etwas wegen Krankheit des DHL-Fahrers, Streik bei Amazon, „Nur noch, was da hängt“ oder einem anderen der tausend Gründe den sorgsam ausgefeilten Logistikplan platzen lässt, gibt es noch Plan B.

Selbst direkt am Heiligen Abend hat man noch die Möglichkeit, die Geschenke-Rallye siegreich zu beenden. Schließlich gibt es ein paar Einrichtungen, die noch zu später Stunde geöffnet haben.

Nein, keine Polizeireviere. Auch wenn die geöffnet haben. Deren Sortiment ist doch sehr eingeschränkt ist und kaum zum Verschenken geeignet.

Tankstellen dagegen haben inzwischen mehr zu bieten als manch kleiner Supermarkt um die Ecke. Und wo bekommt man bei Aldi und Co. schon Schneeketten und Motoröl. Wer zum Beispiel motorsport-begeisterte Menschen in seinem direkten Umfeld hat, kann hier fündig werden.
Und USB-Kabel und Zigaretten-Blättchen können sicher auch ein strahlendes, oder zumindest überraschtes Lächeln in das Gesicht des Beschenkten zaubern. 

Erwähnt werden sollten auch Apotheken. Mit Cola von der Tankstelle und etwas Hochprozentigem aus der Apotheke, meist sogar rezeptfrei, kann man zumindest interessante Mixgetränke für das Festessen beisteuern.

Ihr seht, bei allem Stress findet sich immer eine Lösung, jeder ist für den anderen da, man soll nie aufgeben. 

Vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft des Festes.


Der zweite Flache

Vor der zweiten Geschichte machen wir noch den zweiten Flachen:

Mein Nachbar hört den ganzen Tag extrem laut Heavy Metal.
Ob er will, oder nicht.


Das Familienfest

Wie macht Ihr das? Heiligabend im engen Familienkreis und am ersten Feiertag dann die ganze Sippschaft? Oder gleich alle zusammen? Und am Zweiten aufräumen und wenn nötig renovieren?

Das ist ja eigentlich jedes Jahr das Gleiche. Irgendwann hat mal einer festgelegt, wir treffen uns von nun an am 1. Feiertag bei Onkel Udo. Immer. Jedes Jahr. Alle. Und alle außer Udo haben zugestimmt. Da muss man nicht kochen, keiner muss aufräumen, also außer Udo. 

Udo ist damals nur eingesprungen. Eigentlich sollte das Familientreffen bei Tante Inge stattfinden, aber die konnte dann nicht. Die hatte urplötzlich Handwerker am Heiligabend in der Wohnung. Abends zu Onkel Udo konnte sie dann zum Glück trotzdem kommen.

Seitdem, das ist jetzt über 10 Jahre her, ist es familiärer Konsens, dass Udo den weihnachtlichen Gastgeber spielt. 

Das ist wie früher bei Elternsprecher-Wahlen. Das kennt Ihr, oder? Elternversammlung, die Lehrer haben berichtet, es wurde für die Klassenkasse gesammelt und dann kam der Punkt der Tagesordnung, den alle mit Grauen erwartet haben: Elternsprecher-Wahlen. Die ganz Verwegenen haben sich als Wahlleiter gemeldet, da konnte man nämlich nicht gewählt werden. Und dann das endlos lange Warten, diese gespenstische Stille: wird sich jemand melden? Oft waren die Lehrer clever und sind rausgegangen. „Ich lass sie mal alleine, ist ja Ihre Wahl.“. Dann haben sie sich einen Kaffee geholt, die Buddenbrooks gelesen, ein Studium nachgeholt. Und im Klassenraum ging die Angst um. Denn sobald einer unvorsichtigerweise hochgeschaut hat oder sich nur zum falschen Zeitpunkt gestreckt hat, war die Wahl gelaufen. Man hatte endlich jemanden und, viel wichtiger, man musste nicht selbst ran. Das hätte ein bundesweit gesuchter Terrorist sein können. Völlig egal. Wer sich zur Wahl stellt, wird gewählt. So ein Engagement muss ja schließlich gewürdigt werden. Ich war neun Jahre Elternvertreter und es gab nur beim ersten Mal eine Kampfabstimmung. Danach nur noch einstimmig. 

Udo… Udo hatte eigentlich nur dieses eine Weihnachten retten wollen, Inge war ja ausgefallen.

Und nun hat Udo dieses Amt auf Lebenszeit. Oder bis er mal Handwerker am Heiligabend zu Hause hat. 

Man trifft sich also bei Udo. Was bringt man ihm mit? Als Gastgeschenk. Man kann ja nicht mit leeren Händen kommen. Über die Jahre hat sich bei ihm schon ein stattliches Arsenal an Weinflaschen angesammelt, da ältere Herren offenbar unter Generalverdacht stehen, Wein zu mögen. 

Ich kann da zum Beispiel überhaupt nichts mit anfangen. Bier? Immer. Wein? Macht Säure. Und versucht mal, ‘ne Weinflasche mit dem Feuerzeug aufzumachen.

Da gibt’s ja Experten, die riechen an einem Glas und sagen dir dann, ob‘s geregnet hat und wie spät es war, als die Trauben gepflückt wurden. Sorry, als sie gelesen wurden. Verstehe ich übrigens auch nicht. Habt Ihr mal versucht, Wein zu lesen. Also nicht das Etikett. Den Wein. Nach zwei, drei Flaschen vielleicht. Da kann ich dann leicht verschwommen „Lass das Auto stehen, Du hast genug“ oder sowas lesen.

Udo… Es ist soweit, der Abend beginnt. Er begrüßt nach und nach seine Gäste und stellt die neuen Weinflaschen auf die Anrichte. Aber halt, ein Geschenk ist anders. Obwohl eingepackt, sieht man, dass es keine Flasche sein kann. Udo öffnet das bunte Päckchen, zum Vorschein kommt ein kleines Flaschenregal aus Holz. Zum Auseinanderklappen. Wie nützlich, da hat jemand mitgedacht. Ursprünglich als Bausatz zum Stecken gedacht, hat der Schenkende sicherheitshalber die entscheidenden Verbindungen mit einer Heißklebe-Pistole fixiert. Damit hat sich zwar das Auf- und Zuklappen erledigt, aber nun es ist stabil. Sicher ist sicher. Ich notiere mir, dass Sekundenkleber ein durchaus sinnvolles Geschenk sein kann.

Die Garderobe ist abgelegt, die Floskeln 
„Ich bin ja eigentlich noch gar nicht in Weihnachtsstimmung“,
„Hach, Du siehst ja heute bezaubernd aus“,
„und wieder keine weiße Weihnacht“ 
sind ausgetauscht, alle haben Platz genommen, es wird serviert. Es gibt Gans. Seit 20 Jahren. Natürlich nicht immer dieselbe. Auch wenn’s manchmal so schmeckt. Aber immer das gleiche Rezept. Klöße, Rotkohl, Gans. Und Rotwein. Daran hat es noch nie gemangelt, seltsam… Als hätte Udo ein unerschöpfliches Reservoir. 

Dann wieder die üblichen Floskeln. 
„Meine Güte, diese Klöße, einfach wunderbar“,
„ und der Wein… wo Du den immer hernimmst“,
„also, der Vogel ist nicht umsonst gestorben“.
Das sieht die Gans sicher nicht so. Genauso wie Tante Uschi, die diesmal neben Cousine Inge sitzen muss, haben sich die beiden, also Gans und Uschi, den Abend vermutlich ganz (!) anders vorgestellt.

Und als alle satt sind und das Geschirr auf meterhohen Türmen in der Küche gestapelt wurde, ist plötzlich Udo verschwunden. Hat er sich mit ein, zwei Flaschen Wein im Keller eingeschlossen?
Oder ist er in die Eckkneipe gegenüber geflüchtet? 

Plötzlich bummert es laut an die Wohnzimmertür. Haben wir zu laut geschmatzt, wurde Inge im Flur ausgesperrt. Mitnichten. Malte, inzwischen zehn Jahre alt, ahnt, was jetzt kommt und macht gute Miene zum bösen bzw. weihnachtlichen Spiel. Maltes Eltern haben irgendwann den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihren Sohn über die wahre Herkunft der Geschenke aufzuklären. Das haben aber schon vor zwei Jahren Maltes Klassenkameraden übernommen. Deshalb ist das, was nun folgt, inzwischen eher ein traditionelles Ritual als die ursprüngliche feierliche Darbietung für Kleinkinder. 

Ein Weihnachtsmann, dessen Figur sehr stark der von Onkel Udo ähnelt, und der wohl auch den gleichen Optiker hat, tritt vor das andächtig staunende und völlig überraschte Publikum. 

Udo ist einfach ein Tausendsassa. Er ist nicht nur Gastgeber, Weinkenner und Koch in einer Person, sondern auch Schauspieler. In seinem inzwischen etwas eingelaufenen roten Gewand und dem riesigen grauen Bart, der ihn fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, gibt er den perfekten Santa Claus.  

Mit tiefer Stimme erzählt er von den widrigen Wetterverhältnissen, durch die er mit seinem Schlitten gereist ist, um dieses Familientreffen zu erreichen. Obwohl schon im dritten Jahr hintereinander kein Schnee an Weihnachten gefallen ist. Immerhin lässt er den Part mit dem Schornstein neuerdings weg. Dies würde ihm dank seines offensichtlich zu hohen BMI heute auch niemand mehr abnehmen. 

Das Geschenk für Malte wartet in dem mit Watte auf festlich getrimmten Einkaufsbeutel. Zuerst aber der Höhepunkt der Aufführung. Mit noch tieferer Stimme fragt der Weihnachtsmann: „Malte, warst Du denn im letzten Jahr auch artig?“. Malte, der über die Jahre eine gewisse Routine im Umgang mit dieser Szenerie entwickelt hat, antwortet souverän: „Natürlich Onkel, äh natürlich lieber Weihnachtsmann.“ Die Eltern nicken zustimmend, sie möchten dem Ganzen nun auch ein Ende bereiten und keinen Grund für weitere Diskussionen oder Fragen liefern.

Nun noch feierliches Befreien des Geschenkes aus dem Jutesack, Übergabe an Malte mit strengem, mahnenden Blick und schließlich die Verabschiedung des Weihnachtsmannes.

Nur zwei Minuten nach dieser Zeremonie erscheint Udo, inzwischen wieder in ziviler Kleidung. Er kann gerade noch rechtzeitig einige graue Wattefetzen in seinem Gesicht verschwinden lassen, und schnauft: „Mensch, habt Ihr auch den Schlitten da eben abfahren sehen. Ich war grade den Müll rausbringen und was soll ich sagen, das kann nur der Weihnachtsmann gewesen sein.“.

Zeit zum Anstoßen, also genau der richtige Zeitpunkt, nun die Flasche mit dem Hochprozentigen rauszuholen. Der Abend plätschert dahin, nach der zweiten, dritten Runde mit den kleinen kurzen Gläsern wird schnell noch untereinander abgesprochen, wer nach Hause fährt. Was gleichbedeutend damit ist, dass je Pärchen einer den weiteren Alkoholkonsum einstellen muss.

Man bedankt sich artig bei Udo, verspricht sich gegenseitig, im kommenden Jahr den Kontakt ganz bestimmt aufrechtzuhalten, wundert sich still über den roten Mantel, der da im Flur hängt und verlässt die feierliche Familienstätte.

So geht auch dieses Jahr langsam zu Ende, Pflicht erfüllt und morgen müssen schon die Pfannkuchen für Silvester bestellt werden. 

Frohe Weihnachten allerseits!


Das wirklich letzte Intranet-Schlusswort

So. Ihr habt mir über viereinhalb Jahre im Intranet die Treue gehalten und ich hoffe, Ihr werdet das auch weiterhin hier auf www.extra-blass.de machen. Ihr habt überhaupt erst dafür gesorgt, dass ich während und nach Corona weitergeschrieben habe. Und noch viel wichtiger: es ist ein tolles Gefühl zu wissen, man macht was und andere Leute, also Ihr, setzen sich hin, warten teilweise schon drauf, klicken das ganz bewusst an, lesen das stundenlang und freuen sich darüber.
Vielen, vielen Dank dafür.

Ich wünsche Euch allen ein friedliches und frohes Weihnachtsfest, erholsame Tage und einen guten Rutsch ins Jahr 2025. 

Bis bald !

Ach ja, und viele Grüße von Tante Uschi.

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Ein Kommentar

  1. Hi Micha, wieder toll geschrieben. Wünsche auch dir und deinen Lieben ein besinnliches und schönes Weihnachtsfest und komm gut ins neue Jahr 2025. Liebe Grüße Petra