Extra-Blaß 45

Mahlzeit !

Mitte Oktober habe ich Torsten Sträter live in der Uber-Arena erleben können. 2 Stunden Programm und es war wohl das Beste, was er bisher gemacht hat. Wer wissen möchte, wie sich ein Krampf im Zwerchfell anfühlt… geht hin, wenn er wieder in Berlin ist.
Wir bleiben hier erstmal im kleinen Kreis. Denn knapp 1.000 Klicks für die letzte Ausgabe sind doch nochmal was anderes als 12.000 Zuschauer. Und 20 Zuschauer bei der Lesung erst recht. Aber weil es wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, werden wir eine zweite Lesung machen. Ist „machen“ eigentlich das richtige Wort? „Durchführen“ hört sich zu sehr nach Finanzamt an. Wir führen jetzt eine Steuerprüfung durch. Fürchterlich. „Lesen“ klingt direkt nach Lesung auch krumm. Eine Lesung lesen?  „Anbieten“. Nö, ist zwar für Euch, aber wir machen es auch, weil es uns Spaß macht. Also doch „machen“. Wir machen also eine zweite Lesung. Und Ihr seid herzlich eingeladen.
Zur Einstimmung darauf und weil nicht alle, die diese Kolumne lesen, live bei der ersten Lesung dabei waren, kommt eine Geschichte daraus gleich hier nochmal zum Lesen. 

Wer nach dieser endlos langen Einleitung immer noch dabei ist und nicht längst weitergeklickt hat, kann sich nun auf den traditionellen Flachwitz freuen.

Der Flache zum Start
„Hinter mir läuft jede Frau her.“
Manfred, Busfahrer

Und nun wie angekündigt die Geschichte, die ich schon live vorgelesen habe.

Der Arbeitsweg
Eins vorab, natürlich nutze ich Bus und Bahn. Ich habe ein Auto, aber wo es sinnvoll ist, fahre ich Bahn. 
Nun gibt es Situationen, wo es ohne Auto gar nicht anders geht. Die zehn Säcke Blumenerde von OBI lassen sich nun mal besser im Kofferraum transportieren, als damit zweimal umzusteigen. Und es gibt auch in Berlin Ecken, wo man mit den „Öffis“ einfach mal die dreifache Zeit braucht.
Außerdem fahre ich gerne Auto. 
Man muss niemanden mitnehmen, der Deos für Luxusartikel hält, 
man kann seine eigene Musik hören und man kann mitsingen. Und, gerade im Sommer ist das nicht zu unterschätzen, das Auto hat eine Klimaanlage. 

Auch muss ich im Auto äußerst selten im Gang stehen, wo dann Trägheitskräfte z.B. beim Bremsen voll auf mich einwirken können. Ein durchaus wichtiges Detail, wenn der Busfahrer seinen 20-Tonner im letzten Moment zum Stehen bringen muss. 

Apropos Mitsingen: natürlich kann man auch in der Bahn mitsingen. Entweder zur Musik der eigenen Earpods oder zu einem der zahlreichen Musikanten, die einen mit Geige, Akkordeon oder Ghettoblaster während der Fahrt verzücken. 
Keine Sorge, in irgendeinem Postbus im bayerischen Hinterland erntet man dafür vielleicht noch ein Naserümpfen oder Kopfschütteln, in Berlin regt das niemanden auf. Da wird das oft sogar erwartet. Aber die Bremskräfte, die Deo-Querdenker und die Klimaanlage bleiben als Pro-Auto-Argument.

Doch zurück zum eigentlichen Arbeitsweg. Zur Arbeit nehme ich die S-Bahn.

Für Insider, die sich mit dem Bahnnetz in Berlin auskennen:
Mein Arbeitsweg besteht aus vier Stationen mit der S25 stadteinwärts von Lichterfelde-Ost bis Südkreuz. Das geht recht schnell, von Haustür zu Haustür gerade mal eine halbe Stunde, bietet aber genügend Gelegenheiten, über diese Fahrten hier eine Geschichte zu erzählen.

Vielleicht wirkt das jetzt gleich etwas überzeichnet, weil die Erlebnisse mehrerer Fahrten in einer vereint sind. Aber aus Erfahrung kann ich versichern: je weiter Ihr in die Innenstadt kommt, desto wahrscheinlicher erlebt Ihr das alles auch während einer einzigen Fahrt.

Los geht’s. Nach einer kurzen Busfahrt komme ich also am Bahnhof Lichterfelde-Ost an. Ich kann da auch hin laufen, das dauert ‘ne knappe Viertelstunde. Mit dem Bus, der bei mir fast vor der Haustür hält, geht das aber in fünf Minuten. Warum also nicht. 
Nun sind die Fahrpläne zwischen Bus und S-Bahn nicht allzu gut aufeinander abgestimmt. Zwischen Ankunft Bus und Abfahrt Bahn liegen etwa 20 Sekunden. In dieser Zeit müsste ich von der Haltestelle über die Straße durch den Bahnhof, 
an dreißig anderen rennenden Fahrgästen vorbei, 
zehn entgegenkommenden Fahrrädern und drei e-Scootern ausweichen, 
ca. fünfzig Stufen hoch zum Gleis und 
dort noch etwa 20 Meter bis zur Tür im ersten Waggon. 

2 Meter davor wäre zwar auch schon eine Tür, aber der Zugführer möchte für sich bleiben. Hab’s versucht. 

Da ich, selbst wenn alles optimal läuft, spätestens unten an der Treppe im Bahnhof, 
also von der Haltestelle über die Straße durch den Bahnhof, 
an dreißig anderen rennenden Fahrgästen vorbei, 
zehn entgegenkommenden Fahrrädern und drei e-Scootern ausgewichen,
unten an der Treppe bereits das „Bing, S25 zurückbleiben bitte“ höre, spare ich mir den Frühsport und beobachte die dreißig Sprinter. 

Die sehe ich in einer Minute oben am Bahnsteig alle wieder. Zehn Minuten später kommt schon die nächste Bahn. Außer, nach zehn Minuten ertönt die Durchsage: 
„Verehrte Fahrgäste, der Zug S25, planmäßige Abfahrt 8 Uhr irgendwas, also jetzt, fällt heute aufgrund irgendeines Schwachsinns, den wir uns gerade ausgedacht haben, aus. Wir bitten um Ihr Verständnis“. Dann zwanzig Minuten. 

In der Zwischenzeit fahren drei Regionalzüge vom Nachbar-Bahnsteig ebenfalls zum Südkreuz. Die sind aber alle mindestens zwei Stunden zu spät und stehen deswegen nicht mehr in der Fahrplan-App. 
Übrigens: anders als Fernzüge wird die S-Bahn in Berlin nicht geteilt. Wenn, dann fällt sie komplett aus. 
Nochmal kurz zurück zu den Durchsagen. 
Selbst wenn man schon am Bahnsteig steht und jeden Moment mit der Einfahrt des Zuges rechnet, kann noch vieles dazwischen kommen. Polizeieinsatz, Menschen im Gleisbett, Weichenstörung, technische Störung, Sturmflut und Außerirdische sind die beliebtesten Begründungen. An besonderen Tagen gibt’s auch mal ‘ne Bombenentschärfung. Böschungsbrände dagegen sind eher bei Fernzügen beliebt. 

Dies wird dann immer genau in dem Moment bekanntgegeben, wenn der Zug eigentlich kommen sollte. Gerne ergänzt mit der Bemerkung „Bitte nutzen Sie eine Ersatzverbindung“. Welche, wird natürlich nicht gesagt.

Mit diesen brandaktuellen Fahrplan-Infos ausgestattet, lausche ich nun acht verschiedenen Klingeltönen, wohne zwei erfolgreichen Geschäftsabschlüssen bei und höre zwei Geigern mit Ghetto-Blaster-Playback zu, während ich einem Break-Dancer ausweiche. Dann kommt der Zug. Aus Teltow und deshalb ist er ziemlich leer. 
Rund dreihundert Leute passen in einen Viertelzug, das reicht für halb Teltow und noch für einen Sitzplatz für mich. Die S25 besteht immer aus drei Viertelzügen. Das ist sowas wie ‘ne 7/8-Hose. Nicht vollständig, funktioniert aber. Ich sitze.

Wenn dann zwei betont unauffällige Personen in den Waggon einsteigen, während nahezu zeitgleich zehn Leute spontan aussteigen, kann das nur eins bedeuten: Fahrscheinkontrolle. Oder Polizeieinsatz. Meist aber Fahrscheinkontrolle. 
Wer das erst nach dem Kommando „Zurückbleiben bitte“ bemerkt und kein Ticket dabei hat, kann jetzt noch versuchen, ans andere Ende des Waggons zu gelangen und dort auf die baldige Ankunft am nächsten Bahnhof zu hoffen. 
Wer sitzend erwischt wird, weil er geträumt, Musik gehört, geschwitzt oder telefoniert hat, hat keine Chance und muss zahlen. 
Da die Kontrolle nach nur einer Station beendet ist, habe ich noch genügend Zeit zu beobachten, dass vier Fahrräder und zwei Kinderwagen nur sehr selten gleichzeitig in einen Waggon, sorry, in einen Viertelzug passen. 
Der Zeitungsverkäufer weiß das auch, will bei diesem Tetris nicht mitmachen und bleibt daher da, wo er eingestiegen ist. 

Irgendwann ertönt dann „nächste Station: Südkreuz“, gefolgt von rund einem Dutzend Umsteigemöglichkeiten, dann alles nochmal in Englisch, wir sind schließlich an einem Fernbahnhof. Englisch meint hier „Deutsche Bahn-Englisch“, also auf einem ähnlichen Niveau wie „Sänk ju for träwelling wiß Deutsche Bahn“ oder „This ticket is here not guilty“. 
Das Bürogebäude ist vom Bahnhof bereits sichtbar, nun steht einem erfolgreichen Arbeitstag nichts mehr im Weg. Außer…
die Rolltreppen hoch zum zentralen Bahnsteig oder runter vom zentralen Bahnsteig zum Ausgang oder beide sind mal wieder außer Betrieb. 
Dann stehen mindestens weitere zwanzig Höhenmeter auf der Liste, die es zu überwinden gilt. 
Der abschließende Fußweg über den Hildegard-Knef-Platz wird dann oft genutzt, um Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls gerade dort angekommen sind, zu begrüßen.
Manchmal aber auch, um sich von dem eben Erlebten auf dem Arbeitsweg zu erzählen. 

So, nun wieder was Neues.

Krumme Redewendungen oder plötzlich moderne, zum Glück dann genauso schnell wieder verschwindende Sprachungetüme (ich sach ma…) gibt es genug. Leider, weil man das mitanhören muss; gut, weil ich dadurch Themen fürs Schreiben habe. Deshalb hier nach langer Zeit mal wieder ein Blick auf die dunkle Seite des Dahingesagten, der 

Sprachpanscher

„Da kannst du warten, bis du schwarz wirst.“

Was ist das für ein Blödsinn?

Mal abgesehen davon, dass man für diese Formulierung heutzutage in Teufels Küche kommen kann, wieso schwarz? Und wieso ausgerechnet Küche? Wenn, dann doch wohl eher Keller. Was soll ich bei dem in der Küche? Kartoffeln und Äpfel schälen und „Himmel und Hölle“ zubereiten? Aber ich schweife schon wieder ab.
Jeder hat doch schon mal lange warten müssen. Da wird man ungeduldig, aggressiv, hungrig, man muss vielleicht aufs Klo, aber schwarz? Unter Tage, wenn man auf das Ende der Schicht in der Grube wartet, ok. Aber das ist hier sicher nicht gemeint. 
Ihr wartet auf eine S-Bahn. Der Bahnsteig ist gut gefüllt, am Display steht seit einiger Zeit „Zugverkehr ist wegen (…denkt Euch was aus…) unregelmäßig“. Das heißt, ein Zug kann irgendwann kommen, muss aber nicht. Meistens nicht. 
Da warten also hundert Leute, ungeduldig, aggressiv, hungrig, manche müssen aufs Klo. Ist da jemals einer durchs Warten schwarz geworden? Eher nicht. Selbst, wenn da einen ganzen Tag lang kein Zug kommen würde und die da alle artig stehenbleiben, weil sie an das Gute in der Welt bzw. in der Bahnzentrale glauben, da wird doch keiner schwarz. Es würde mit der Zeit unangenehm riechen, die Batterien der Ghettoblaster-Musiker wären leer, das THW wäre vor Ort und würde Decken und Tee verteilen, ein paar Dixi-Klos würden aufgebaut werden, aus Dreitage-Bärten würden Viertage-Bärte, aber garantiert niemand würde deswegen schwarz, nicht mal grau.

Lassen wir also solche blödsinnigen Redewendungen. „Wait until Dooms Day“, also auf das jüngste Gericht warten, meinetwegen, wenn man daran glaubt. Warten, bis Schalke Deutscher Meister wird, auch gut, wenn man die Unendlichkeit des Wartens ausdrücken möchte, aber bitte nicht „schwarz“ werden.

Wenn der zweite Flachwitz kommt, wissen die regelmäßigen Leser und natürlich auch Leserinnen, dass das Ende naht. Also das Ende dieser Folge natürlich. 

Der Endflache
„Für mich ist es nur ein kleiner Schritt auf die Bremse, für alle anderen ein großer Schritt nach vorne.“
Schon wieder Manfred, Busfahrer.

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp für den Arbeitsweg, passend zu beiden Geschichten: bastelt Euch doch mal eine U-/S-Bahn-Bingokarte.

Fünf mal fünf Felder, schreibt verschiedene Durchsagen rein (ein paar Beispiele habe ich oben schon genannt) und füllt die restlichen Felder mit möglichen Erlebnissen auf (Waggon-Musikanten, Warten auf den Gegenzug, Fahrscheinkontrolle, usw.). Dann nehmt diese Karte mit auf Euren Arbeitsweg. Und immer, wenn etwas davon eintritt, streicht Ihr das entsprechende Feld durch und schreibt Datum und Uhrzeit dazu. Das kann man im Team spielen und wenn die Karte voll ist, schickt Ihr sie an die BVG, HVV oder die S-Bahn GmbH. Mal schauen, vielleicht gewinnt Ihr eine Monatskarte. 

So, das war’s für den November. Und achtet bitte darauf, dass Ihr nicht mit Manfred fahren müsst. Wartet lieber einen Bus ab, auch wenn Ihr dabei schwarz werdet.

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